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BnnJINß I 1925

ZEITSCHRIFT

FÜR

DEUTSCHES ALTERTUM

UND

DEUTSCHE LITTERATUR

HERAUSGEGEBEN

VON

EDWARD SCHROEDER und GUSTAY ROETHE

NEUNUNDFÜNFZIGSTER BAND DER NEUEN FOLGE SIEBENUNDVIERZIGSTER BAND

iqqst^

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BERLIN

WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG 1922

INHALT.

Seito

J. Schatz, Eine Keimbibel des 12 Jahrhunderts, neue bruch- stücke des sog. Mittelfränkischen legendars 1

P. Hagen, Das buch von der Nachfolge Christi und Thomas a

Kempis 23

R. 0. Meyer, Die quelle des Borten 36

E. Schröder, Zum text der Warnung 46

E. Schioder, Meister Reuausz 47

E. Schröder, Sprichwort 48

H. Sperber, Ein gesetz der bedeutungsentwicklung 49

Anhang : aus dem gebiet der belagerungstechnik stammende

ausdrücke 61

J. Petersen, Aufführungen und bühnenplan des altern Frank- furter passionsspiels 83

Cl. Bieuer, Zur methode der Untersuchungen über deutsche

Wortstellung 127

R. Henning, Auf alten colonistenwegen 145

E. Schröder, Der Frauen Turnei (vgl. 327) 160

E. Schröder, Bruchstück eines mhd. prosaromans aus dem an-

fang des 13 Jahrhunderts (vgl. 216) 161

K. Schiffinann, Die handschrift des Linzer Entechrist . . . 163

E. S., Lückenbüfser (lutervech) 164

Cl. Biener, Wie ist die neuhochdeutsche regel über die Stellung

des verbums entstanden? 165

E. Schröder, Berchther und Berchtung von Meran 179

W. Stammler, Meister Eckhart in Norddeutschland .... 181

E. S., Zu dem fragmeut eines mhd. prosaromans . . . 216

F. Niedncr, Egils Sonatorrek 217

II. Patzig, Zum stein von Eggjum 235

E. Schröder, Die leichenfeier für Attila 240

E. S., Harnaschvar 244

R. Loewe, Der gotische Kalender

I Die spräche 245

II Der inhalt 258

III Entstehungszeit, Verfasser und weg zu den Ostgoten . 282

S. Singer, Tannhäuser 290

H. Niewöhuer, Dulceflorie und Herzog Friedrich 305

E. S., Strafen 308

C. v. Kraus, Waltheriana

I Weitere bruchstücke der Wolfenbütteler handschrift U 309

II Die bruchstücke der Wolfenbütteler hs. w 323

E. S., Zum Frauenturnier (oben s. 160) 327

E. S., Zu Katharinen marter 328

E. Schröder und A. Hilka, Zum mittellateinischen 'Philo' . . 329

E. S., Künic Prinz e 336

*

EINE REIMBIBEL DES 12 JAHRHUNDERTS.

NEUE BRUCHSTÜCKE DES SOG. MITTELFRÄNKISCHEN LEGENDARS.

Das Franziskanerkloster zu Hall in Tirol besitzt neun perga- mentbruchstücke, die herr professor P. Max Straganz von buchdeckein ablöste und mir in dankenswerter weise zur Veröffentlichung über- lief s. es sind zwei vollständige doppelbläüer (6. 8), vier querstreifen von doppelblättern (2. 3. 7. 9) und drei teile einzelner blätter (1. 4. 5). die doppelblälter zeigen 28 nicht liniierte Schriftzeilen, sind 20 cm hoch, das vorderblatt ist 12,5, das rückblatl 13 cm breit, die querstreifen 7. 9 sind die obersten teile von doppelblättern mit der vollen breite, 7 hai zwei Schriftzeilen und ist 2 cm hoch, 9 hat 3 Zeilen und die höhe von 2,7 cm. die streifen 2. 3 sind gleich breit, 2 hat 12,5 + 8,5 cm, ist 4,5 hoch und der obere teil des doppelblattes mit 7 Zeilen; 3 hat 10 + 11 cm, in der höhe 3 cm, 5 Zeilen und ist aus dem schriftteil herausgeschnitten, über kunich (vers 96) ist der untere strich eines g erhalten, der untere quer- schnitt gieng durch die oberen buchstabenenden der zeile; man kann annehmen, class die abgeschnittenen Zeilen unter vers 100 und 108 fast dasselbe enthielten. 1 ist im buge abgetrennt, 15 cm hoch, 11,7 breit, rechts und unten beschnitten, die 24 zeile ist fast ganz weggefallen, die streifen 4. 5 sind 20 cm hoch, 6 cm breit, 5 ist oben stark abgeschürft ; 4 ist das äufsere randstück eines vorder- blattes, 5 ein inneres blattstück, die ersten buchstaben der Vorderseite sind weggeschnitten.

AUe stücke gehörten der gleichen und einheitlichen handschriß an. sie zeigen die schrift des 1 2 jh.s, die selten 4b, 6 b, 6 ad, 8b c sind dtirch das aufkleben und ablösen zum teil stark mitge- nommen worden, aber das meiste läset sich noch sicher lesen, die blätter 4. 6. 7 haben etwas kleinere buchstaben, es gehn so auf 23 teilen von blatt 1 fast 24 von blatt 6. die verse sind fortlaufend geschrieben, der erste vers des reimpaares mit grofsem anfangsbuch- staben (unde 34 thie 396 Vnde 329 In 280 Also 159. 421) und am Zeilenbeginn abgerückt, die reime sind durch punete be-

Z. F. D. A. LIX. N.P. XI.YII. 1

2 SCHATZ

uuhnet, er fehlt nach 20. 34. 44. 222. 244, steht irrig nach uoit 231 und ist radiert nach fprach G6 chuinet 92 gebot 212. auf Matt 8 c ist am scitenschluss nathe tete unter got tho ge- geschrieboi, rers 394 der über die zeile nachgetragen, 111. 356 n, 422 i übergeschrieben, 195 inther durch beistrich getrennt, radiert ist 67 im gevunde v aus w, 71 ie zu i, 180 ime zu ine, 92 nach wa ein strich, 5 a 19 vor waf ein f. die majuslcel zu f ist S; s steht in 347 dorste veranlasst durch den darüberstehenden bogen des g, sonst noch in bb 17 ifrahelis, 336 fcs, 372 mar- gaiitas (aber 373 porcof). neben d kommt auch ö vor, einigemale unter g. Unterscheidendes " findet sich ab und zu, dät rät äf get er nit zit. initialen fehlen, I 130 P 294 am Zeilenanfang, I 4 a 1. 204. 434 innerhalb der zeile.

Der abdruck ist buchstabengetreu, unsicheres ist eingeklammert, die verse sind abgesetzt, die nur bei lateinischen Wörtern vorkommenden kurzschreibwigen beibehalten.

la then inthen unden.

Wände alle! thef nieht | negenaf.

thef tho lebentigef waf.

Hiwsere thie noe behilt inther arcan. 5 tbie ime got tbar zu hiez wureben.

Ynde tbaz tba niebt neinahte genefen.

tbaz nedorfte inther arcan niebt wefen.

Zu tber arcan habet noe hunderet iar getan.

wände fie fcolde manigen Xtoz untfan. 10 Thar uuaf ouch ane groze gemach.

fie habet inuuether half öruge thac.

Vnde uuaf alfo gethihte.

thaz thar nechein wazzer in chomen nemahte.

Si waf alfo ein huf gefchaffen. 15 unde manich ualt binnen gemachet.

Si fcolde manich ualt uuefen.

tha fo manich tier inne fcolöe genefen.

Thie tier thie §r uuaren grim unde wilde.

thie wurthen tho fanfte milde. 20 Sie uuvrthen noe milde gemachet

also fie got adame habet geschaffen.

Noe nam tho intbie arca zuei geliche.

uon aller uuibte geliche.

Von then reineften nam er fibene. 25 thaz er gote ze opfer hethe ze gebene.

Ynde uorht bliben mähte

REIMBIBEL DES 12 JAHRHUNDERTS

uon then anderen tlmz geflahte. Ther |

tha got |

lb

30 habet.

thef uuilitegelicb lebet,

Tho gienc er | in mit allen thifen.

thie tlia fculöen genefen.

nnde liez nzen tbie arcan 35 got felben bewerchen.

Tho begunden thie wazzer wählen.

uon then tiefen abylTon.

Tho guzzen ouch thie himel rönnen.

uon then wolchen thie brunnen. lo Vierzech tage unde uierzech naht.

thaz thiv uloth hete thie chraft.

Thaz fie thie arcan uon ther erthen.

geburite über alle bbme uude über alle berge.

Tho thie über grozze ulüth ! ."> hunderet unde idfzech tage geftünt.

Valien fie tho begunde.

zu them tiefen gründe.

Thef uuolöe noe thie uuarheit bevinden.

unde liez einen raben uz wenthen. 50 Thaz er iz ime chundet.

of er iergen lant vunöe.

Tho newolde ther ungetriwe raben.

ther trivuuen nieht pflegen.

An ein äf er sich nither liez. 55 unde fine boöescaft uerliez.

Tho noe thaz uemani.

thaz ther raben nieht nequam.

Tho liez er eine thuben uliegen.

thie neuuolde in nieht bethriegeu. CO War tho fi negefach then bo|me noch thaz lant.

(ane them I . . . f)

2a Thef fcalt thu nu liebe uater ezzen. turch thinen willen haben ich iz gewunnen. Ther uater tho zu ime fprach. 65 wie gewunneft thu fo feiere liebe fun daz. Ther fun fprach waz of mir iz got gegunde. thaz ich iz feiere gevunde. Ganc mir naher fprach yfaac zu them kinde. thaz ich thie

SCHATZ

2b 70 under finem geflahtc tbaz uolch.

An thein i : got gereclie.

thie ime übel gefpreche.

Gotel hulfte tbcr babe.

ther ime wol Tage. 75 Alfo er tbiz babet getan.

unde iacob uon ime waf gegan.

So ebumet efau mit wine unöe mit brote.

unde gefotbem wiltbratbe.

Vnde fprach thu fealt

2c 80 al tbar begraben wart.

Von iac . . . | zuelf sunen.

fint tber ivtben z . . . | flahte ebomen.

Von tben quam ... | herren.

thie pphete unöe apofto . . . 85 Tber iacobef kinde hiez ein ivd . .

... | tbef geflahte xpe geboren waf.

... | waf oueb ein . . f

2d r aller nit trücb. tbaz er tber retbe | . . . 90 Von tbiv fie übel in untfingen |

. . . fter in uf tbaz feit quam ge| . . . Vnde fpracben fie nu, wa ther| . . . re ebumet gegan. waz tbunebet | . . en of wir in flan. Rüben tber| . . . 95 ... edubte ime gut |

3 a Herre kunieb nu nefealt thu nieht lajzen. newer einen wifen man fealt t(u) | thar zu sezen. Ther al thin rieh turch | uare. unde thin uolc mit manihen b: | wäre. 100 Ther ouch plege thinef ratef.

th(a) . . | . (. . . fl . . . thef fatef f)

3b

ffraym. biezen tbie kint fin. Iofephe|: hef nieht ne uergaz. 105 neware tete alf|: r felbe fprach. Er uvr turch allez | : haz riche. unde warnet arme unde | : ich. Vnde plach ouch felbe thef ratef.

REIMBIBEL DES 12 JAHRHUNDERTS

mit neuaivn. 110 Ther einige muJ' wither | zu then benthen.

under theine iz werjthe uv,nden.

Iwer ander nechein.

newsare | uaret uort heim.

Von then aldiften | fie iz befunden. 115 unde thie facche alle (. . b . d . . T .)

3d

Oh mir herre einef thingef. thef ich mir | under waut thei kindel'. Vnfer nater | iz fo lief habet, alfo wir haben gefaget. | 120 Thaz er mir iz nicht negaf.

er ich ime | an mine trivwe thef nerblach. Ich wol-| (öe er felbe)

4 a rurten. oachim a ther ftat. Ther e . then nabucho- nam er zevvibe en riehen wole livthen . von fco- nm garten . fi ha- te. Inthem fie ofte te plach. Tho wa- e althe man ze n iren müt be- rowen ze hure har umbe wur- ten geburgen . wanne fie thie (n) karten. Tho fie (n). zo ther uro- h inthem fumer ahte bathen. a them bathe f argef neuerwan- z tnrlin wäre be mit ire began. n begen. iz ne . Newolde fi iz (n) thaz über fi geline mit ire z them folche offen

4 b

. . . al under

10

bare k . . te . .

grozen

Tun ich thife dat. ich mit ivh iz ni nieht untflihen mich f Iahen, tha(r) getan. Vnde beg(u) ... ..(z.fi) . . fie neliezen th (geflihten uon) the wa^re . . . (ich)

vil harte . . .

15 . . mich wunder b the wunder fage thie thaz gerihte den thaz iz alfo . . re. Vnde wolde

20 fi fcolde fteiuen. th:n . tho fie de vil inneclich u ende trete, unde . . . uerholen un

25 thinc weift, er fi in erthen. Thu we b(i . . ein . ther) ni(e) Nu feal ich unfcul(d)

SCHATZ

5 a t ge lieh bift

thaz thu geft mit them kin(d) bist, thu dregeft then beilige tbo Taget, tbo fie elifabetb ge nificat anima mea dnm . w nen beiligen fun. Tbef frow wif. tbaz icb drage finen be got under aller tbieth. gef müthicheit. Tbaz icb finen b tragen, tbef mugen mieb all gen. Vil f alieb waf unde ift fcä maria thie beilige nrov lifebem goöe waf fo örut. t(b) zeiner müter. unde zu ei(n) (i)re uater unde ire kint. t(b) tbinc. Tbaz ne gefeach nie e (t)bet niemer iner. Iz waf e(i) (b)iez zaebariaf. ther beitbe (a) waf. Tbef wif elizabet bi n gotef tbineft fleiz. Tbife z (f)ament lebeten, er fie kint (h) (v)il ofte wart uerwizzen. ne kint habeten gefezen. (V) (w)if bofe faget. tbie bi iren ete. Tben iz auer tber got. (g)et. tbaz fie inire alder w bie begiengen felbe rebte (n)en ouch beilige kint. Alfo

5b

burt ... en

cbeben al . . . ...

. Wände wir ienier th . . g . . unf rebte tbinc gefebehe. 5 tbem geflabte. tbaz er prif- Tbo tber zit waf unftan. tbaz cb iren ewen fcolde began. gienc. zu them opffer er them altare fcolde gan . fo

10 (t)ef engel z(e them altare) ftan. (r) quam er in ther engel trof räch zaebariaf nuneforhte (u)n . feal thir dragen elizabet eigen iohannem fealt thu

15 ge feinen anther erthen.

frowet werthen. (E)r feal m erem herren. uon ifrahelis vo hef nieht geloben newolde r ein vil alt m(an) waf. Beith

20 : 1 thie bothefeaft

e zu ther engel. ich bin fag r fta: (alfo) hin uor gote zu te. Nu thu mir iz nieht (wi) al ich thir thaz wäre zeich(e)

25 alfo lange ftumme wefen

f ift genefen . Vnde thu ime gegeben . fo iz intheme abto fnithen. Zachariaf al thar

6 a

(vier zeilen ganz abgeschürft, ich lese: vngelich tbaz fie tbo nie

. . . | . . . unde . . . | er . . . feiere unde . . .) 125 ... gote | waren genomen.

Vnde ... ... gejfturbe.

unde auer lebendieb wurthe.

Vnde fagent thaz thie falige al fculen fterben.

thie bir indomeftage lebendich uon then uuereben. | 130 nthem ahtoden tage wart tbaz kint circumeifuf.

tho wart iz geheizen iefuf.

Then namen ther engel marien fagete.

er fi thaz kint untfangen habete.

Inthem vierzichiften tage . . . thaz gef ca. 135 then wir began thar na.

Thaz thri kunige thef(landes genathe:

fich | ime unde ime funder)lich gaben brahten.

Then irfchein ein (fterne)

REIMBIBEL DES 12 JAHRHUNDEIH 'S

in ofterich vcrre. 140 Ther waf groz unde lieht.

ther ne(ftünt) an tbem himele nicht.

Thaz nieman er negefah

nocli fint mer netete thaz

. . . ftern fi gekuren. 14."> thaz xpc wäre geboren.

Ire gäbe fie tho natnen.

unde ze iertm quainen.

Vnde urageten, wa xpc (here)

ther ivden kuninc wsesre. 150 Then wolden fie ane beten unde eren.

alfo fie fcolden uon rchte iren herren.

Sie gefagen finen fternen.

in ofterich fo uerren.

Ther wäre groz unde herlich. 155 anderen fternen ungelich.

Alfo er mit rehte.

xpm bezeichen inohte.

Then fagen fie uon iren lande.

Alfo er boben ierhn ftünde. 160 Alfo herodef thice uernarn. 6 b vil | harte er iz underquam.

Want er thef getriv wen newolde.

thaz anther kuninc wefen ne fcolde.

Von then fcribif her tho befühte. 165 war thaz kint wefen mohte.

Sie fprachen, fie heten in pphetif gelefen.

iz fcolde inbetlehem geboren wefen.

Herodef mit then trin kunigen fprach.

unde vil inneclich fi bat. 170 Thaz fie ime uon them kinde fageten.

alfo fie iz anegebetet habeten.

Wände er iz ouch anebeten wolde.

thaz er note lazen fcolde.

Alfo thie kunige herodif wort gehorten. 175 zu betlehem fie kerten.

Tho fie ire gebet habeten getan.

van them wir nu fageten.

Zu xpm unferen herren.

uolgeten fie them fterne. 180 Alfo fie quamen thar fie ine funden.

vil urolich fie in giengen.

Vnde anebeteten then anther erthen.

ther fie geliez gewerthen.

Tho fie ire gebet habeten getan. 185 uor thaz kint fie giengen ftau.

8 SCHATZ

Tber erift brathe ime arabiof golt.

thaz bezeichenot tbie kuniclich gewalt.

Wiroch tber ander ime brabte.

mit tbem er l'iner godebeit gedahtr. 190 Mirram tber dritte ime gaf.

want er in waren raennifchen gefacb.

Vnde fi in oucb fcoldcn baben.

fo man in fcolde begraben.

Tbo fie ire opfer zether wif babeten brabt. 195 tbo gebot in,ther gotef engel in tber nabt.

Tbaz fie einen anderen wecb wither kerten. G c unde berodef gebotef | niebt neborten.

Sie fcolden tbef baben büte.

tbaz fie niebt nequoemen zu berode. 200 Want er iz turcb ualfcb tete.

tbaz er fie zu ime komen beete.

Einen anderen wecb tbie berren.

na tbef | engelef gebot füren.

n tbem oberiften tage | tbaz gefca. 205 über drizzicb iar thar na.

Tbaz unfer berre zu tbem iordane gienc.

unde tbie tböfe uon fce iobanne untfienc.

Sint in fcs iobannef gedöfet.

fo quam er über ein | iar zu einer brutloft. 210 Tbo tber gotef engel | alfo icb fagete.

tben drin kunigen geboten babete.

Iofepb er in droume gebot thaz er uf ftunde.

unde er in egypte uüre mit marien unde mit tbem kinöe.

Wände berodef tbef babete gedabte. 215 thaz er tbaz kint finge of er mabte.

Vnde gebot tbaz fie waren in tbem lande.

unce er in tben uriden kunöe.

Iofepb tbo tete.

na tbef engelef geböte. 220 Sumelicb fagen tbaz tber engel tbo zeftete.

iofepb niebt ne gebute.

Nocb berodef tbo zeftunde

niebt nelieze bobeten tbie kint.

Niwar alfo er uername. 225 thaz ime tber kunige neckein nequanne.

Thaz fie ime uon them kinöe niebt nefageten.

alfo er fie gebeten babete.

Thaz er wurte thef uerbolgen.

unde begunde in mit here uolgen. 230 Tho er fie niebt ne funde.

thaz er uort. vüre zeroine.

Vnde fuhte thef ther roraa'rc rät.

KEIMBIBEL DES 12 JAHRHUNDERTS

0 d of er tön fculÖe | thie (meintät)

. . . under al then kinden |

235 . . inahte vinden.

An tben . . 5er | .... er beuelhen finen holden.

tbaz | fie alle thie wege befezzen wolden.

Ol" in cbein kint beqmemen intben wegen.

thaz l'ie in abenasmen tbaz leben. •J 1 1 1 Mit tbifen fagent fie tbaz dimaf unde (ram)atha waren.

thie fint gevangen wurthen mit unferem herren.

Vnde thef genuzze dimaf.

thaz er mit unferem herren genaf.

Thaz er nach hcrodif geböte 245 them kinde nieht netcte.

Thaz er ime thaz leben nicht abe nenam.

tho iz ime anthem wege bequam.

Thaz thef anderef Unwillen.

thef vür er zu tber hellen. 250 Tber gotef engel iz iofepho fagete.

tho herodef fin ende getan habete.

Vnde fagent fumelich, tho unfer herre.

(gen) egypte lande uvre.

Tbaz unfer herre wasre. 255 in them fibenden iare.

Vnde er uermitbe archilaum.

thef kunigef herodif fun.

Thaz er ze ierlm nieht nequreme.

want er iz thar uernseme. 2(30 Niwar in nazaret blibe er intben ziden.

thaz er uon archelao ne wurthe uerraden.

Vnde tho erift quaeme zeierlm nnfer herre.

tho archelanf beliben wsere.

Inthem vierzichiften tage nach tber heiligere bnrt. 265 wart thaz kint zekirchen gefürt.

Tho wart thaz kint ihc. 7 a gedragen | zu them gotef huf.

Scä maria druch felbe iren | örut fun.

zu ierlm inthaz templum. 270 Sinef |

7b thich herre mach befcowen

Nu lezeftu mich | indinem fride.

wände ich dich gefehen habe. |

7c na ime hiez gen. 275 Venite poftme alfo er fagete. | tho er fie zu ime lathete.

10 SCHATZ

Zepetro fuuderlich |

(hir) finen iungeren | 7d herre tho zu ime fprach. 280 In funne tage wirdet | thaz.

Thor funne tach thar na.

inthem fehlten | tage gefca.

Alfo iohannef f

8a anther erthen. 285 fine hulde muzen erwerjuen.

Thaz wir fine gebot hir fo began.

thaz wir finef richef teil untfabn.

Thaz er nnf mit rehte nemuge uerfagen.

fo wir fin gebot hir getan haben. 290 Wände thie finef uater gebot abe ge't.

mit rehte er finef erbef abe ftet.

Ther wir ein teil gefaget haben.

unde noch ein teil fculen fagen.

etruf unde ivdaf zuen apoftoli waren. 295 unde taten beithe wither unferen herren.

Ire beider fculde waren grozlich.

al newseren fie nieht gelich.

Petruf unfef herren thriwarf uerfag.

iudaf in uerkofte umbe einen lutzel fcaz. 300 Thaz er nieht getan nefcolde haben.

wolt man ime al ertriche geben.

Zu. thifen grozlichen dingen.

gemeret er unfaelige fine funden.

Thaz er unfer herre. then er umbe drizech penninge uerfalt. 305 mit einem chuffe uermelden fculde.

Thice ne fcal nieman wol loben.

thef nefcal ouch nieman plegen.

Thaz wir then kuf them bieten.

anthef leben wir raten. 310 Wir fculen iz ouch zu them miden.

then wir hazzeu unde nithen.

Iz nefcal ouch turch thaz niemanne liehen.

wände ther kuf ift thef uridef zeichen.

Then fie übel mit unferen herren begiengen. 315 tho fie in mit them kuffen geviengen.

Ther | kuf wart iemer getan.

turch then guten thomam.

Thaz fie in ne . . . unferen herren.

wände fie vil ge . . . waren. 320 Thaz zeichen hate then ivden.

ther unfalige ivdaf gegeben.

REIMBIBEL DES 12 JAHRHUNDERTS 11

Petrui" unl'ef berren alfo ich fagete uerfacli.

tho er uon then ivden gevangen faz.

Thel' er ime tliar na thefte wirf gehabete. 325 wände iz ime unfer lierre nor fagete.

(Ime) unde anderen then herren.

thie tliar mit ime waren.

Tho er fine merunge habete getan.

Vnde in berge olinete fin gebet (w)olde began. 330 Thef g . . er ... uuarue . . . erthen.

daz gotef wille an ime müfte gewerden.

Thaz anfinef fleifchef brodecheit.

ther wille wurthe finer gotheit.

In thifer naht fprach er fo mich thie ivden uahn. 335 fo fcult ir min alle abe gan.

Sei" petruf tho fprach.

herro war zu fpricheft thu thaz.

Seal ich ouch then dot ane gan.

ich newil thin nieht abe ftan. 340 Peter fprach er wir fculen thie warheit fprechen.

thn fealt min öriwarf in thirre naht nerfachen.

Thaz feal er ther haueerret gefeehen.

thef nift znivel nechein.

Tho iz alfo gefeach. 345 tho gienc iz petro vil nach.

Thaz iz ime ie fcolde gefchen.

thaz er thef heiligen criftef nedorste iehen.

Ime waf tho beithe.

zorn unde leithe. 350 Vnde vil fere weinen began.

tho er fich rehte uerfan.

Thef pleif er uort an (inen eren.

unde dienet

8c

anwurte. 355 tho fi in bat fo vil harte.

Iz newaf niwet gut thaz man under ftu,nden.

ther kinde broth g?ebe then hunden.

Si fprach iz uro wsere alfo.

thef uuoere fi unfro. 360 Toch wurthen under wilen then weifen.

thie brofmen uon them tifche ze helfen.

Sine kint unfer herre thie faget.

thie er uon then ivden becheret tho habete.

Hunde hiez er thie thiet. 365 thie thie afgot beget.

Uon then thaz wif waf.

ther öohter thar genaf.

12 SCHATZ

Brot hiez er üne wort.

uon then fic zu them übe bekert wart. 370 Von then er ineiner andere ftat.

zu finen ivngeren ful fprach.

Nolite mittere margaritas.

ante porcof.

Nieht ne fcult ir mine mergrizen. 375 uor thie fvin giezen.

Tha meint er thaz fie (nechein)er duinber thiet.

ne predigoten uon finer wifheit.

Ther mütcr otniüdlicher worte.

(genu)tze wir alle harte. 380 Wir waren uon then funden.

gelich . . . then hunden.

Zu them wibe fprach unfer herre.

thaz ire gelobe groz waere.

Vnde ire wille gewurte. 385 thaz ire kint nefturbe.

Thin kint fprach er gut wif.

behaldet wol then lif.

Inther felber ftunt.

wart ire kint gefunt. 390 Thice gefcach inther zit.

thaz begunde thie criftenheit.

Von ther heithener .thiet.

thie noch thie afgot heget.

Wir | thanchen öer in unferern gebete. 395 ther got tho ge nathe tete. j 8 d thie thef crift gefan.

thaz fie criftenheit gewan.

Wir thanchen ouch then zuelf herren.

unde allen predigseren. 400 Thie unf mit gotef worthen.

zu ther criftenheit becherten.

Sie fint alle unfer müter geiltliche.

thie unf gebaren zegotef riche.

Wh' loben thef furtherift gote. 405 ther unf genathen tete.

Thaz er unf then fin habete gegeben.

thaz wir ther afgot nieht neplegen.

Thaz wir getroft fin uon finen worthen.

unde zu them ewigen libe fin bekert. 410 Wände iz unferen feien alfo vil fcadet.

newurten fie mit gotef worthen nieht gelabet.

ALfo iz unfer lichnamen tut.

wirthet ime unzogen thaz brot.

Thaz ift ouch gelieh thifen thingen.

REIMBIBEL DES 12 JAHRHUNDERTS 13

415 thaz wir lel'en uon einem blinden.

Ther bithem woge faz.

unde unferen horren fincr ogen bat.

Von them wege er felbe i'prach.

tha er mit then ivden faz. 420 Ich bin ther wech unde thiv warheit.

Alfo them wol ther tbar aneget.

Ther blinöe bezeichenot thie he,thenfcaft.

Öie ther warheit nicht nefach.

Sie waf vil uerre them wege. 425 unce fie fprach herre genathe min liabe.

Alfo feiere fi thaz fprach.

bi them wege fie gefaz.

Ther uerleh er fine ogen.

thaz fie in gel'ach inthem geloben. 430 Anthem wege fi tho gienc. 9 a tho fi thie | töf untfienc

Ther bekennet thie gotef warheit.

thie finen wille hir begeit.

z waf | ouch bither warheit. 435 thie ivdifche thiet.

9b wort er nieht neuerahl.

fint fie ime unfer | herre beuahl.

Sine feaf er leret.

thie zigen | er bekeret. 440 Wol bewaret er fin feaf an finer

9c Alle criften unfer brüther fint. wände wir | alle fin einef uater kint. Wir fin alle gejbrudere unde fueftere. uon unferem uater

9d 445 Of er mit finem brüder then er hir gefihet. un brüderlich heget.

Wie fcolde wir thanne got | uater minnen. then er nemach gefehen noch

A n m e r £• u n gen. Mit b sind die DonauescMnger blattet ge- meint, nach der Zählung bei Busch und vKraus; mit K ist auf vKraus Deutsche gedichte des 12 jh.s verwiesen. A B C s. s. 19.

4. Hiw#re lis niwrere; in b kommt Wir vor für das richtige Hir A 467. niwsere 'nur*, vgl. newsere 113 neware 105 newer 97 niwar 224. 2G0 und newere A 86 newar A 84. 104. 413. 705.

7. dorste bair. für dorfte (A 13. 280. 283), vgl dorste 347 und ich ne dar C 56.

8. habet prät. für Labete. B hat öfters prüt. ohne -e, zb.

14 SCHATZ

habet 11. 21. 75, warnet 107, saget 362, genieret er 303, in b ge- dolet 307, vorsaget 475, saget : habet 497, predicot 350, saget 547. 567. 572, trowet 559. ferner chundet, versalt B 50. 304, wolt man

301. vgl. tet her, thet ouch b 355. 360. e fehlt im dat. gebot

B 203, got, volc b 334. 340, vor vokal in zuen apostoli B 294, ther thera (under theme iz B 111 aber mit them er 189j, in rieh B 98. 107, plur. sumelich 252. b 345, adverb oifenbarlich : in himelrich b 305, want er B 191. 200. 162 want er 259 (wände er 172) vil, wol, vor, adverb übel 90. 314: A hat tbere, theme, vile, wole, uvele 252. getan, 'tun"1 ist auffallend häufig, wither got t. G 74 B 295 b 502, s. zu 75. 4&4. 143. 176. 251. 395.

10. groze lis groz, vgl. sing, groz zeichen A 682.

11. druge thac wohl dri gedach drei stoclctverke, coenacula et tri^tega Genesis 6, 16.

14. geschaffen das part. des starken verbums, wie 21 und G 5, prät. geseuof C 27. vgl. in A gescaffot : gemachot 2. 10. prät. scafodo : machodo 142.

15. manichvalt widerholt 16, vgl, milde 19. 20, nam 22. 24, wart gedragen, druch 267 f u. a. K. s. 263. binnen, inne 17, vgl. boben 159, bovon A 612. 664, boven C 41.

18. grimme ande egisliche A 382.

19. lis sanfte unde milde, zu sanfte für senfte vgl. in sanftin unkreftin Roth. 2558.

21. dat. Adame, gen. Adames A 700, vgl. gen. Jacobes B 85 und in A Abraham Abrahames acc. Abrahamen -on 729. 713. 738, Maria dat. Marien B 132. 213, A 240, nom. Josephe 104 Joseph 218, dat. Joseph 212. 221, Josepho 250, gen. Herodes 197. b 364 dat. Herode 199. Ab 346 aber gen. Herodis 174. 257; die namen werden sonst lateinisch flectiert, Jacobus A 341, Christus, Petrus, Paulus, Pilatus, Martinus, dat. Christo Petro, Paulo, Pilato, von Decio Ab 459, acc. Christum Petrum Tyberium Lazarum, voc. Peter B 340, Judas Judam von Juda A 395. 562, Cosdras dat. Cosdre 636, Nero von Nerone, Symon Symonis Symoni, Johannes gen. -is, Rachel gen. Racheiis A 46, in Indiam abl. in India, in Epheso u. a. neben acc. ze Romam A 19, abl. zo Roma 36 steht vuore ze Rome B 231 und quämen ze Rome Ab 321 im reim. vgl. themo greven Agrippen : rihten A 169, thes heiligen cristes B 347.

24. er immer in B G, er und her in A und b.

25. hethe, vgl. bete 41, beten 166, hate 320; hedde A 5. 65, sonst B habete, A havodo.

26. uorht = vort zeitlich, vgl. 352, vorth wonen A 220, vorth sagen G 26 und varet vort heim B 113, er vort vuore ze Rome 231, vor her in Indiam vort A 401.

32. thisen : genesen, A hat meist thes-, B immer tliis-.

33. sculden, vgl. sculde 233. 305, sonst auch im conj. o {zb. scolden 193) wie immer in A.

37. vgl. daz abysse Tundalus K. 11, 176.

42. erthen : berge, vgl. sageten : habete 226, worthen : zevuorte b 492, unwerthe : erthen A 123; erthe ist nie geschrieben.

43. geburite, die kurzsilbigen verba I haben den vocal, legete b 573, nerete C 85, generede A 645, s. zu versalt 304.

50. chundet für künde, so 217, vgl. prät. gesande A 740. es ligt hier die spätbair. Umformung der prät. vor, die langsilbigen verba I konnten im prät. nach art der verba IL III einen vocal bekommen, vgl kündete kündet in der Vorauer hs Diemer 65, 17. 295, 14.

55. bodescaft wie 5 & 20 und heithenscaft 422 mit -ft für -f, vgl. bodescaf A 48.

REIMBIBEL DES 12 JAHRHUNDERTS 15

60. war = weere mit verneintem salze, wie newsere mit dem be- jahenden (alt. Judith wäri mid iri scarphin suerti 1, 10, Litanei 230, 35 niht war den tot). then lis thic; stand in der vorläge the?

62. ezzen : gewunnen, vgl. läzen : sezen 90, cruce : gewande A 670, geheizen : cristen 576.

65. gewunnei't thu inel. wie gewunnes thu A 95.

72. thie wie 290. 433, meistens steht in B ther. A hat ther und the, 6 thie = A the 469.

73. godes hulde, -en A 97. 106.

75. thiz in B nur hier, sonst immer thize. A hat thiz und thit. getan vgl. 200. 218 und zu 8.

77. chumet, das preis, ist neben was 76, sprach 79 auffallend; vgl. komet C 53, inf. und pari. prät. chomen B, cumen A. prät. nur quam, quämen, quaeme.

83. herren, vgl. 202 thie herren = die drei könige, 326 = die apostel = zuelf herren 398; = gesandte des Tibeiius A 19, Cosdras und Eraclius 620, Petrus und Paulus 51. 170, herre Tiberius 18. 27, Nero 30. 117. unser herre Christus AB, herre kunich Pharao B 96, herre Joseph i. Ä. 110, herro Christus 337.

84. prophete, der lateinische nom. plur. fremde Wörter werden wie die eigennamen (s. zu 21) mit der lateinischen flexion gebraucht, vgl. prophetarum A 099, in prophetis B 100, apostolus A 300, plur. apostoli 313. B 294, -orura A 369, -is 389, martyrium 200, mit mar- tyrio 437, martyria 415, templum B 209, hi templo domini A 351, vou then scribis B 104, sine predicationem gedede A 399, sanetus -a -um -am.

91. auf untfingen ivürde quam ge|gangen reimen (doch hat das pari, sonst immer die form des preis, gegän, so 70. 92, A 145. 330) ; der reimpunet fehlt jedoch.

90. nu ne scalt thu nieht läzen, K. s. 137.

99. manihen, sonst inlautend nur g icie auch in A.

107. arme unde riche K. s. 154.

108. die eibgeschnittene zeile enthielt vermutlich ähnliches wie 101 (. ..h.m ...fl..f f...f).

110. muf für muz, vgl. preis, werthe 111. zu benthen vgl. K. s. 257.

119? der hinweis auf früher erzähltes ist häufig, also ich sagete 210. 322, vgl. 177. 292 und in A 33. 120. 173. 313. 341. 301. 497, so ich sagete C 4.

121. verblach für verplag = verpflag.

4 a 10. karten, vgl. kerten 190. becherten 401, in A prät. e und a, part. nur a Busch s. 322.

4 b 4. vgl. 234, s. zu 8.

ha 21. sament. samon A 397.

5& 12. nuneforhte mit o, vgl. Tatian 2,5 ni forhti (Luc. 1,13).

128. sagent. berufungen auf quellen 240. 220. 252, A 235. 343. 345. 357. 714, C 71, mit nennung des namens B 283, A 239. 327. 410. 528, C 70.

129. er dömesdage tag eles jüngsten gerichtes A 152.

130. der grofse etnfangsbuchstabe fehlt, er sollte am rande ge- schrieben werden. Du wart er circumeisus sine mud' nanten ihc K. 1, 120. lateinische toörter und Wendungen s. zu 84 und B 275. 372, in A in omnem terram 315, in fines orbis terre 317. 377, tempora nationum b 525, securi pervenirent A 417, per ignem et aquam per- transierant 425, in libro vite 718. calvarie locus 574.

134. vierzichisten ist eleuthch zu lesen. 137. gäben = 140 gäbe, K. s. 211.

16 SCHATZ

138. B hat stern- 144. 152. 155. 179, der reim verlangt sterre.

142. gesah vgl. zu 344.

143. tete, vgl A 197. 367. 433. 671 und mit inf. 39. 133. 170. 647, s. zu 8.

151. iren h., vgl. iren rnöt 4a 11, iren ewen 5b 7, bi iren 5a 24, von iren lande 15y, iren drüt sun 268, under eren handen A 64, eren herren 87. 89, eren kiude 254, an eren gebede 278, mid eren räde 367, eres predigenes 86, eres selves llf 583, dagegen in ire alder 5 a 26.

152. gesagen conj. wie sagen 158, gesagen gesege A 272. 282. 154. Tbc turn was groz ande erlig A 606.

160. Alse Eraclius thiz vernam, vile harde her is underquam A 672, demnach steht iz für is s. Lexer 2, 1788.

168. spracb:bat = b 537, spracb : stat B 370, A 477, saz : bat B 416 sat:bat A 712 und gesät : bat 674, stat : sat = saz 660, that:stat 135, daz : stat b 552, thrüt : üz 616 und mit altem p scheit : Weif 275, bleif: lfeit 385 fermeitb : screif 716, gestarf:wart 730. 732. gaf:gesach 5 190 : verblach (= verpflag) 121, heithenscaf(t) : sacb 422, dach {tag) : chahf (fränk. kaf spreu) b 508 und versag : scaz d. i. versacb (versöch ? vgl. zu 298) : scatz B 298, in C gaf : thac (tag) 6, that : gesät (gesetzt) 35.

169. ande vile innecliche her gode bat A 675 (vgl. b 538).

176. lis getan habeten : sageten, vgl. 184 und 171 gebet t. vgl. gebot t. 289, kus t. 316, merunge 328, genäthe 395. 405, ende 251, in A nöde 37, gerillte 174, predicationem 400, godes willen 701, s. m 8.

180. Eraclius vor in crieglant tba her sanctam helenam vant A 688. ine aus ime, vgl. acc. inen und ine A.

181. Tbo gieng Petrus in the stat froliche A 221. K. s. 85. 192. I. scolde, vgl. zur suche Diemer zu 235, 13.

197. nach herodis geböte 244, nach thes engeles geböte 219, K. S. 72.

198. there cristenheit höde havon A 185.

200. tete = tsete, in der vorläge stand wohl dede, vgl. lezestu 272, merunge 328.

205. over ein jär tbar : thaz gesca A 237; vgl. 209.

207. tbie touf untfienc 431, then touf untfän A 647, an theme doufe C 61.

208. gedoufet. lis habete gedouft : brütloft (vgl. chundet 50).

212. Joseph dat. vgl. Josepho 250.

213. in Egyptum kerde A 393.

217. then vriden, vgl. in dinem fride : habe 272, thes vrides 313, K. 232.

222. der reim verlangt zestunt : kint, vgl. 388 und half 11, wis 194, tbriwarf 298, in A stunt 31, wis 102, half 627.

236. holden, K. s. 257.

239. vgl. 246, ava nenion tben levon A 34. 226. leven ist in A masc. then leben b 539.

240. dimaf der name dec rechten Schachers, neben Dismas, vgl. Thilo cod. apocr. novi test. I 580. der zweite name ist nicht recht lesbar.

248. Thaz was thes ? Unwillen vgl. aber ire wille 384, sinen wille 438 K. s. 249.

249. hellen A 155. 709, helle 693/". l\\f. K. s. 228. 179. 251. dede sinen ende A 360. 384.

259. man möchte lesen wände ther iz. 275. Matth. 4,19.

287. uutfahn, der bair. Schreiber setzt b, untfän : gän, so auch 334, vgl. 342. 347. 445.

REIMBIBEL DES 12 JAHRHUNDERTS 17

297. al obgleich, K. s. 263, Bech Germania 5, 503.

298. unses lierren wie 322, unses thinges b 310; die fränh. form dieses poss. (A unse -ses -sem -sen) findet sich noch in b 522 im dat. plur. an unsen geziden, bair. ist unser herre, dat. acc. unserem un- seren, dat. plur. unseren seien B 410. versag = versach 322 ist das prät. zu versachen 341, Tatian 13, 19 fursuoh, der bair. Schreiber kannte das verbum nicht; ob in der vorläge versoch stand, ist nicht sicher, denn A hat 149 das prät. gewag, ahd. giwuag zu gewahenen, die andern prät. dieser gruppe haben ö, hof, untsof, drog, slog, vor, stont, gesuöron (conj. giwuoge her Annolied 803).

302. the grozlichen thing A 481.

304. nach unser herre reimpunct, die vorläge hatte wol unse herre then. versalt lis versalde : sculde, vgl. wolde und künde B 217, gesande : bekande A 740 (Tatian salta). drizech phenninge Diemer 249,18; drizzug pfenningo Tatian 193,1, silabarlingo 6.

329 bi monte oliueti A 243, an den berch oliueti Diemer 255, 16.

334. in thiser naht, vgl. in thirre naht 341.

338. then doth anagän A 182.

342. gescehen für gesehen : neehein wie 346 gesehen : ien.

344. gesca:na (näh) 134. 205. 281, A 237, dagegen reimt sach (sah) zu heitbenscaf(t) 423, zu gaf 190, : thaz 142. s. verhal : be- val(h) 436.

347. tbes heiligen cristes K. s. 186.

352. Thes pleif mit bair. p, vgl. umgekehrt verblach für ver- plach 121.

354. amvurte ist das prät. (Matth. 15, 26).

360. Toch obgleich, K. s. 263.

361. ze helfen also schw. flectiert, vgl. ze helfe : weifen Diemer 241,23 (Matth. 15,27).

362. I. sagete : habete.

364. thie thiet fem. wie 376. 392. 435, 5 a 8, A 390, thaz ro- mische thiet b 492.

366. Uon, U undeutlich, fast wie h.

372. Matth. 7, 6.

388. in ther selver stunt wart ther kuning wole gesunt A 31.

392. plur. die heidenne diede K. I, 66.

395. vgl. 405 und A 762.

404. wir loben gote : tete, vgl. her gode bat A 675.

409. statt sin bekert etiva bekert wurten oder uns bekerten.

412. lichnamen ist bair. b 298. 448. 463, A hat nur lichamen 164. 165. 231. 448. lis unserem 1. (für unse?).

436. neuerahl = ne verhal.

438. Matth. 25,32? (Tatian 152,2 scaf, zigun, nhd. schüfe und bocke, latein. oves, hedi).

Drei bruchstüclce derselben handschrift sind bereits 1866 von Bar ach Germ. 12, 90 96 veröffentlicht worden, sie liegen in Do- naueschingen, was Barack über die form und art angibt, stimmt :u den Haller blättern1; auch die eigenartige lautform ist gleich:

1 herr libliothekar dr. Ed. Johne in Donaueschingen, dem ich eine photograp>hie der seite 1 b zur vergleichung übersandte, teilt mir freundlichst mit, dass die Schrift ohne jeden zweifei von der gleichen hand herrührt icie die auf den drei in Donaueschingen verwahrten blättern, und dass auch die gröfse übereinstimmt.

Z. F. D. A. LIX. N. F. XLVII. 2

18 SCHATZ

f für auslautendes b: graf llf half thrhvarf; cli für auslautendes g nacli voealen : mach wech kunich trüch ; d und häufiger t für westgerm. d, dann tli und d für p im an- und inlaut] anlautend p ; peuuinge plegen plach (einmal pflegen 53), inlautend pf in opfer ; für k im anlaut k und ch, inlautend ch: sacclie gedenche werchen folche j für sk im anlaut sc : sciere gescoben, inlautend sek : gemischet valsch ; x für den nicht immer bezeichneten umlaut qua?me roma?re; für ie meist ie, für uo meist u, selten i u, für ou atfeft 6 w. a.

Zarncke hat im Lit. Cb'l. 1867, 1406 bemerkt, dass die stücke Barocks zur gleichen reimdichtung gehören wie die von Schade 1866 aus Halle veröffentlichten Fragmenta carm. theot. vct. , die 1875 durch bruchstücke aus Halberstadt vermehrt und von Busch in der Zs. f. dtschephil. 10, 129 ff zusammen herausgegeben und untersucht ivurden. 110 rerse der blätter Baracks sind auch in denen aus Halle und Halberstadt enthalten.

Als teile der gleichen dichtung und einer dritten handschrift Jiat vKraus Deutsche gedichte des 12 jh.s (Halle 1894) s. 260 die zwei bruchstücke erwiesen, die Busch in den Beitr. z. dtschen phil. (Halle 1880) s. 279 292 bekannt gemacht hat.

Bödiger hat im Anz. XXIV 64 diesen nachweis bezweifelt: ihm seidenen diese bruchstücke eher einem leben Jesu su entstammen, das, nach der breite der darstellung zu urteilen, umfänglich gewesen sein müsse, aber demselben dichter zugewiesen werden könne.

vKraus hat alle stücke 1912 in seinem Mhd. Übungsbuch neu herausgegeben, auf grund eigener lesung genau nach den hand- schriften, s. 1 15 1. Mittelfränkisches legendär, in der anord- nung und verszählung von Busch, s. 16 18 2. Mittel fr änkisehe bruchstücke, die von Busch 1880 veröffentlichten Bruchstücke eines mittelfränkischen gedichtes; vgl. dazu im Übungsbuch s. 239 f die litter atur nachweise und anmerkungen.

Bödigers bedenken sind verständlich, weil der teort des 'mittel- fränkischen Legendär^ in sich einheitlich ist und weil man an das legendär glaubte. Zarncke und Scherer waren anderer ansieht, und die neugefundenen blätter geben ihnen recht, sie erweisen eine ein- heitliche dichtung, 'eine alte poetisclie kircheng eschichte"1 (Scherer), 'ein werk ganz ähnlich der Kaiserchronik' (Zarncke). s. den schluss- absatz.

REIMBIBEL DES 12 JAHRHUNDERT* 19

-Es liegen vor: A = zehn bruchstücke, sechs in Halle, vier in Ilalberstadt ; B = zwölf neun zu Hall in Tirol, drei in Donau-

eschingen : C = zwei in Halberstadt, (mit b bezeichne ich die

r.tihlung der Donaueschinger verse bei Busch- v Kraus).

A und B stimmen in den gemeinsamen 110 versen ziemlich genau überein; die unterschiede sind geringfügig, so dass man A und B als abschrift aus derselben vorläge ansehen könnte, dass die sprachform von A im wesentlichen miltclf ränkisch ist und im ganzen die der dichtung wider gibt, hat Busch aao. s. 168/ dargelegt, und das ist seitdem allgemein angenommen norden die sprachform in C entfernt sich von der in A nicht so stark wie die in B, die in B abweichenden formen lassen sich aus dem bair. erklären. A C heben auch für inlautendes b den reibelaut : haven selve und it that thit neben iz thaz thiz. im prät. hat A nur d: deilde sa- gode, C d und t: berorde kertc, B nur t: legete liorteu (aber immer scolde wolde gegen C solte wolte). den umlaut des a be- zeichnen AC mit e: deden were, B mit se und e (tete 200 lezestu 272 merunge 328). mit C ist B ivohl nicht zusammen zu bringen, vgl. AB untfangen unzogen, C iubinden, AB wolde s(c)olde, C wolte solte. der Wortschatz scheint in B ziemlich gewahrt zu sein, vgl. fränk. iergen irgendwo 51, dömesdag tag des jüngsten ge- riddes 129, aldervadei* grofsvater b 545, cbabf spreu b 509, babeten gesezen Boa. 23, vollegän b 525 (bair. volgangen), der häufige gebrauch von 'tun' ; geändert scheint inne 17, vgl. binnen 15 boben 159, für besvigen conj. prät. b 543 verlangt vKraus aao. s. 267 betranken (: bespra^cben).

Die neuen bruchstücke ergeben, dass diese dichtung das alte lind neue testament umfasst hat. man kann die erhaltenen teile inhaltlich in folgender weise aneinander reihen :

C 1 Schöpfung, Adam, fall des engeis, betrug an Eva Gen. 1. 2.

B 1 sündflut Gen. 6.

B 2 Isaak, Jakob und seine söhne Gen. 27, 19 und 29. 35, 19. 37, 11.

B 3 Joseph in Ägypten Gen. 41,33 und 52; 44, 10—32.

B 4 Susanna Dan. 13.

2*

20 SCHATZ

B 5 Zacharias und Elisabeth Luc. 1.

B 6 und 7 ab. die weisen aus dem morgenlande Matth. 2 ; Simeon Luc. 2, 29.

C 2 Johannes der tauf er Jöh. 1,26. Luc. 1,6. Matth. 3,4. 11.

B 1 cd 8 und 9. Christi lehren und wunder: erörterungen über den verrat des Judas, die Verleugnung durch Petrus, das ver- trauen des chananäischen tveibes [Matth. 15,22), die heilung des blinden (Luc. 18, 35).

A und B 10. 11. 12, hrsg. von Busch Zs.f. dtschephil 10, 129 ff von vKraus Mhd. übgsbuch s. 1 15; diese stücke haben trotz den lücken zusammen einen einheitlichen text, der nach Buseh mindestens 1100 verse umfasste, erhalten sind 764 verse; v Kr aus nimmt im Übungsbuch auch nach 424 und 637 lücken an. 1 34 der schluss der Pilatusleg ende verbunden mit der vom Christusbilde der Veronica ; 35 238, mit einer lücke von etwa 140 versen nach 149, die sage vom Zauberer Simon und der tod des Petrus; 239 312 Mariens tod und himmelfahrt mit einer ungefähr 140 verse um- fassenden lücke nach 296, dann 313 402 scliicksale und tod der apostel ; 467 528 Jerusalems Zerstörung; 529 691 (nach 573 fehlen gegen 50 verse) die geschichte des kreuzes ; 692 762 be- ginnt mit dem berichte über die zwei hotten und paradiese; der Schlussteil fehlt, vielleicht hat dieser abschnitt den schluss der dicli- tung gebildet, es ist bei dem losen aufbau schwer zu entscheiden, wie weit der dichter gearbeitet hat. man kann sich aber wöl vor- stellen, dass er mit der heranziehung geschichtlichen Stoffes nicht über das hinausgegangen ist was diese erhaltenen 764 verse bieten: geschichte der personen die mit Christus in Verbindung waren, dann die geschichte des kreuzes; die Schilderung von himmel und hotte könnte den abschluss gebildet, es könnten freilich auch noch andere dinge dieser art Stoff geboten haben, bevor nicht die quelle der dichtung oder diese selbst zu tage kommt, lassen sich über ihre ausdehnung nur Vermutungen anstellen, die erhaltenen blätter und teile verbürgen gegen 2350 verse, mindestens 1100 sind für das 'legendär' zu berechnen, die Haller stücke werden auf den 15 blättern ebensoviel gehabt haben, man kann auf eine seite gut 36 verse annehmen, dazu die blätter C mit fast 150 versen und versteilen.

Ob C 1 zum anfang der dichtung gehört, kann man bezweifeln. dafür sjnicht dass hier die Schöpfungsgeschichte (in der spätem um-

REIMBIBEL DES 12 JAHRHUNDERTS 21

bildung) deutlich hervortritt : ' allem lebenden soll er den namen geben, nach dem sechstageivcrk wurde der siebente als feierlag ein- gesetzt, es gibt drei himmel, am untern sind die Sterne, im mitt- leren die enget, im obersten die heilige 'trinisse' ; diesen können die heiligen schauen, SPaidtis sah ihn, durfte aber nichts aussagen. Adam ivurde dem teufet zu leide geschaffen, der aus neid das arme iveib betrog : sein hochmnt brachte ihn zu falle3, das passt am ehesten in den cingangsteil nach der erzählung von der erschaffung Adams.

Die teile aus dem alten testamente B 1 4 haben streng ge- schichtlichen inhalt, so weit sich das hier beurteilen lässt] es fehlen die betrachtungen die die späteren teile aus dem neuen testamente fidlen. B 1 hat im kern den bericht der Genesis über die sündflut, umgeformt in der art der christlichen litteratur , die ja auch die darsteliung in der Wiener und Vorauer Genesis bestimmt hat. so findet sich die der Genesis fehlende bemerkung, dass die tiere ade '.ahm in die arche giengen, bei Alcimus Avitus 4, 269 und 345, ebenso die enveiterung, dass Noa von den reinen tieren je sieben mitnahm, um für Gott ein opfer zu haben 4, 400. der ausdruck (von den tiefen) abysson begegnet auch bei Avitus 4, 237. 535. vom raben heisst es in der Genesis 6, 6 nur, Noa liefs einen raben fliegen, der flog aus und kam nicht wieder; bei Avitus 4, 563 producens corvum scire cupit senior, ales adspiciens cadavera carnibus ineumbens et raox oblita reverti rectorem reliquit, und in der nutzanwendung sie nescis fideni servare magistro, violasti perfide pactum ; dann mittit columbam, illa menior iussi, vgl. B vers 48. der ungetreue rabe ist sprichivörtlich gewesen, vgl. Strickers Karl 1657 volget dem swarzen raben nibt, den man in beesen siten siht und die entsprechende stelle im Kolandsliede, über die Leitzmann PBBeitr. 43, 36 anders urteilt.

Die teile von Jakob, Joseph und Susanna B 2. 3. 4 lassen wie das stück von Noa vermuten, dass die dichtung in den er- zählenden abschnitten anschaulich war und das fremdartige und für den gang der geschichte unwesentliche der Bibel ausgelassen hat.

Auch die stücke B 5. 6. 7 ab beschränken sich auf das er- zählende; in C 2 überwiegt das lehrhafte, und in B 8 geben die gescfiehnisse nur den anhaltspunct für breit ausgeführte betrachtungen und lehren, so sind auch an den abschnitt über den tod der apostel erörterungen und mahnungen angeschlossen über den nutzen der

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irdischen leide», über Martyrium und bufsfertiges leben, zur geioinnung des himmels, A 403 466. der letzte abschnitt Joiüpft an die er- wähnung der zwei hüllen und paradiese das gleichnis vom reichen prasscr und vom armen Lazarus [Luc. 16, 20).

Den beginn der Susannageschichte (Dan. 13) zeigt die fehlende initiale B 4 a 1 ; voraus geht rurten. ob da die er Zählung von Daniel in der löivengrube (vgl. Dicmcr 312, 20) oder von den drei Jünglingen im feuerofen (Dan. 6 und 3) vorausgieng oder anderes, ist nicht zu erkennen, man sieht aber, dass die einzelnen abschnitte ohne weiteres aneinander geschlossen wurden (vgl. A rers 35. 239, 313. 467. 692), wie etwa in der Vorauer hs.

Zarncke (Lit. Cbl. 1867, 1406) und Schercr (Q.-F. 7, 42) rermeinten, dass die Schade-Barackischen bruchstücke aus einer chronik- artigen dichtung stammen. Schönbach (Anz. II 201) hielt sie für den rest eines iverkes, in icelchcm eine grofse lateinische Sammlung von legenden poetisch bearbeitet ward. Busch gab seiner Unter- suchung den titel : 'Ein legendär aus dem anfange des 12 jh.s', und späterhin wurde die dichtung als 'das mittel fränkische Legendär' angeführt, nur vKraus (Deutsche gediente des 12 jh.s 1894 s. 260) spricht com 'sog. mfr. Legendär' ; die von ihm behandelten bruch- stücke C 1. 2 stehn dem legendarischen ziemlich ferne, die ort der dichtung wird durch die netten Hauer stücke deutlich erwiesen: es ist biblische geschiente des alten und neuen bundes einschliefslich der für die kirchengcschichte wichtigen personen des netten testaments und der geschichte des kreuzes. zu beginn des 12 jh.s ist eine JReimbibel durchaus möglich; die erhaltenen biblischen dichtungen zeigen, wie diese richtung dem litter arischen leben entsprach und, dass es ein zeitgemäfses unternehmen war, wenn ein mittelfränkiscJier geistlicher sich die aufgäbe stellte, die religionsgeschichte von der schöpifung an bis zum siege des Christentums zu erzählen, er hat vor den andern dichtem, die nach dem erhaltenen zu schliefsen nur teile des bibelstoßes behandelten, den Vorzug, den ganzen stoff be- icöltigt zu haben, sein werk ist ein Vorläufer der Kaiserchronik, und man kann vermuten, dass die handschrift B in Kegensburg geschrieben wurde.

Innsbruck. Jos. Schatz.

DAS BUCH VON DER NACHFOLGE CHRISTI UND THOMAS A KEMPIS.

Ein halbes Jahrtausend ist verflossen, seitdem das buch von der Nachfolge Christi von den Niederlanden aus seinen siegeszug durch die weit begonnen hat. drei Jahrhunderte hindurch ist der streit über den Verfasser des buches, das nächst der Bibel die weiteste Verbreitung erlangt hat, geführt worden, aus dem kämpf der meinungen ist Thomas a Kempis siegreich hervor- gegangen, und doch sind die zweifei nicht ganz verstummt, neue funde ermöglichen jetzt die lösung des so lange und oft heftig umstrittenen problems.

Von Roethe mit der inventarisierung der für die ziele l der Deutschen Kommission der Berliner Akademie der Wissenschaften in betracht kommenden Lübecker bandscluiften betraut habe ich schon vor einem Jahrzehnt- aus dem bestand der Lübecker Stadt- bibliothek, der mit ausnähme der wenigen orientalischen raanu- scripte überhaupt noch nicht verzeichnet 3 war, neben manchen anderen niederdeutschen, oft niederländisch beeinflussten 4, ver- einzelt auch noch rein niederländischen wertvollen schritten geist- lichen inhalts, die größtenteils aus dem Lübecker Michaeliscon-

1 vgl. Roetbe Neue Jahrbb. f. d. klass. altert., gesch. u. dtsche litt. 1913 I bd. XXXI s. 37.

2 vgl. BSB. 1911, IV s. 108.

3 Meine arbeiten für die Lübecker bss. haben in Lübeck selbst weder förderung noch anerkennuug erfahren: man hat mich in der heimatstadt für die anhänglichkeit an sie Imitatio III 49, 52 65 (Hirscbe) mit dem herzen zu verstehn gelehrt, um so woltuender berührt mich die freundliche beurteilung, die meine inventarisations- tätigkeit seitens der Berliner akademio und verschiedene meiner altern arbeiten auch außerhalb Deutschlands gefunden haben: in England (Folk-Lore III 414 f v. ANutt; Athenäum nr 4093 s. 422 v. dems., nr 4099 s. 608 v. Priebsch), in Frankreich (Revue critique 34, 411 ft; 41, 178 v. Biquet), in den Niederlanden (Museum jabrg. 8, 252 ff von Blöte, der zwar in der bauptsache nicht zustimmt, aber nicht imfreund- lich aburteilt; jabrg. 17, 255 ff von Frantzeu, keineswegs ablehnend, wie im Jahresber. f. germ. phil. 32, 99 behauptet wird).

* vgl. die von HVollmer Materialien zur bibelgeschichte und re- ligiösen Volkskunde des mittelalters I 2 (1916) s. 7 als bearbeituug der sogenannten ersten niederländischen Historienbibel erkannte und s. 66—72 beschriebene handschrift des Lübecker Micbaelisconvents.

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vent, einem haus der Schwestern vom gemeinsamen leben, stammen, zwei anonyme niederdeutsche tractatc zutage gefördert, aus denen sich ungeahnte aufschlüsse über die entstehungsgeschichte und verfasserfrage des buches von der Nachfolge Christi ergeben.

Für eine eingehnde auseinandersetzung und beweisfühi'ung mit allen einzelnen belegen fehlt hier der räum, aber wie das heimatland der im bistum Utrecht entstandenen Imitatio ein an- recht darauf hatte, eine kurze orientierende mitteilung über die ergebnisse meiner im manuscript abgeschlossenen Untersuchungen zuerst zu erhalten, die in der Zeitschrift 'De Beiaard' jan. 1921 erschienen ist. so ziemt es sich auch an dieser stelle auskunft zu geben über die bedeutung von handschriftenfunden, die der Deutschen Kommission und namentlich Boethe zu verdanken sind.

Bekanntlich besteht das buch von der Nachfolge Christi aus vier tractaten, die als vier bücher mit dem gesamttitel 'De imitatione Christi libri IV bezeichnet zu werden pflegen und schon früh, noch zu lebzeiten des Thomas so bezeichnet worden sind, er selbst aber hat in seinem früher in Antwerpen, jetzt in Brüssel befindlichen autograph die tractate ohne einen zu- sammenfassenden titel unter den Überschriften 'Adnionitiones ad spiritualem vitam utiles', 'Admonitiones ad interna ü-ahentes' 'Devota exhortatio ad sacram communionem', 'Liber internae con- solationis' aneinandergereiht, also das nach der herkömmlichen Zählung vierte buch vor das dritte gestellt, die übliche zählang und anordnung, die gegen Thomas die beiden bei ihm an zweiter und vierter stelle stehnden tractate unmittelbar aufeinander folgen lässt, bringt dadurch zum ausdruck, dass buch n und in in- haltlich enger zusammengehören, ein diesen beiden büchern zu- sammen entsprechender, jedoch kürzerer, nur 60 capitel um- fassender niederdeutscher tractat, an dem die niederländische herkunft zu erkennen ist, unter dem mit der Überschrift des U buchs der Imitatio übereinstimmenden titel 'Vormaninge de dar tein to binnenwendigen dingen' ist nun in zwei handschriften des Lübecker Schwesternhauses erhalten geblieben.

Der tractat steht zu den beiden büchern der Imitatio, von denen er sich dadurch unterscheidet dass 12 capitel, die gebete mit ausnähme des in I in 3 stehnden und zahlreiche kleinere abschnitte an verschiedenen stellen in ihm fehlen, in einem Ver- hältnis, das nicht durch Verkürzung seitens des Übersetzers oder

NACHFOLGE CHRISTI 25

der Überlieferung erklärt werden kanu, und ebensowenig kommt eine frühere fas3ung durch Thomas in frage, vielmehr sprechen in den abschnitten der Imitatio (I) die in dem tractat (L) über- setzt sind (I1), und in den abschnitten die in ihm fehlen (I*), zwei menschen von ganz verschiedenem wesen zu uns. man fühlt und unterscheidet deutlich die ruhige eindringliche wacht des stils von I1, der von dem therna der 'Admonitiones ad iu- terna trahentes' nicht abschweift, und auf der anderen seite in I* eine erregtere, schwärmerische, pathetischo natur, die in erster Knie Gott preist und in gebeten sich an ihn wendet und überall einen grüfseren aufwand von worten entfaltet. und zugleich spürt man, dass I* genau dieselbe persönlichkeit gewesen ist, die aus allen unbezweifelt echten Schriften des Thomas a Kempis stets sich gleichbleibend uns entgegentritt, wer die im allge- meinen zu I1 gehörenden capitel des zweiten buchs von I mit T-capiteln wie I in 21 und 48 vergleicht, wird sich dem ein- druck schwerlich entziehen können, dass die ausdrucksweise sich erheblich unterscheidet, die Wesensverschiedenheit von I1 und I* lässt sich in diesem fall, auf den das bekannte wort lle style c'est l'homme' zutrifft, an bezeichnenden stileigenheiten , aber auch noch an weiteren merkmalen darlegen.

Bei dem folgenden vergleich citier ich I nach der ausgäbe von Hirsche, in der die einzelnen durch die pauseninterpunction gegliederten satzkola als zeilen abgesetzt sind, wodurch die ver- weise erleichtert werden und auch aus andern ausgaben zu er- mitteln sind, die werke von Thomas nach der vortrefflichen kritischen ausgäbe von Pohl, von der bis jetzt G bände er- schienen sind.

1. Eine in den werken von Thomas in die äugen fallende erscheinung, die von Hirsche Prolegomena I 393 zur stütze der ansieht, dass Thomas der Verfasser von I sei, herangezogen wird, ist die häufige Verwendung der Interjection 0. nun er- gibt sich unter einrechnung des im anruf hinzugefügten 0 das folgende Verhältnis: in den 12 capiteln des n buchs von I, an denen I* nur unerheblich beteiligt ist, kommt 0 nur 1 mal, in den 12 capiteln von I* dagegen 25 mal vor. in allen 60 ca- piteln von I1 steht 0 9 mal, in dem an umfang weit geringeren I* dagegen 30 mal l.

1 wie wir im '0' ein kennzeichen des schreibenden sehen, so

26 HAGEN

2. Die lebbaftigkeit die sieb in der bäufigen Verwendung der interjeetion kundgibt, prägt sieb noeb stärker aus, wenn an die interjeetion ein ausruf oder eine rbetorisebe frage sich an- schliefst, in I1 ist dies nirgends der fall, in I* lesen wir I III 21, 30 0 quando ad plenum dabitur mihi vacare et videre quam suavis es Domine Deus meus? I in 34,43 45 0 quando reniet haec beata et desiderabilis hora , ut tua me saties praesentia: et sis mihi omnia in Omnibus? und I in 48,25 38 reiben sich nicht weniger als lU solche fragen der sehnsuebt nach dem ewigen leben an einander, von denen die erste und letzte mit 0 quando beginnen, in den übrigen quando widerholt wird, in der gleichen form kommt der gleiche inhalt zum ausdruck bei Thomas an einer reibe von stellen, von denen ich hier nur an- führe , dass in dem De aeterna laude Dei et desiderio aeternae gloriae überschriebenen cap. 26 des 'Vallis lilionmr vol. IV 111, 20 112, 17, nachdem schon p. 110, 28 zwei solche fragen vor- ausgegangen sind, 8 fragen dieser art begegnen, in denen 6 mal

0 und 8 mal quando widerkebrt.

3. Die häufung gleicher sätze, Satzglieder, worte ist eine stileigenheit, die überall in den sebriften des Thomas zu beob- achten ist, I1 widerholt zwar I n 12, 14 21 in cruce 9 mal, aber diese widerbolung der nachdrücklichen hervorhebung ist etwas anderes und hat eine andere klangfarbe als die 8 malige widerholung von multus in I* in 48, wo es nicht auf das widerholte adjeetivurn, sondern auf die verschiedenen substantiva zu denen es gesetzt ist, ankommt, ein zweites beispiel dieser wortwiderholung, die in I1 nicht anzutreffen ist, ligt I* in 21 vor, wo super mit einer form von omnis 18 mal erscheint, worauf noch ein 7 maliges tu, ein 6 maliges solus und 11 superlativa dem lebhaften empfinden entströmen, und auch das 16 malige Ego am anfang kurzer parallelsätze I m 58, 35 entfällt auf I*. ebenso finden wir bei Thomas vol. I 282, 5 283, 5 in

verwendet der moderne schriftsteiler es gelegentlich als persönliche note, zb. Ibsen in den 'Stützen der Gesellschaft' für Hilmar, von dem am schluss des ersten aufzugs auch direct gesagt wird : 'Treibt sich noch hier umher und sagt noch immer '0, 0' ?' ähnlich gibt

1 ...■ .uas Mann in den 'Buddenbrooks' zugleich eine gewisse Charakte- risierung von seinem onkel Christian, wenn er von ihm erzählt: 'Und plötzlich fügt er ein kurzes, stöhnendes '0: ! hinzu, das voll ist von Entsetzen'.

NACHFOLGE CHRISTI 27

worten die er Gott sprechen lässt 19 mal Ego, eine form vt.u omnis im subject paralleler sätze 18 mal vol. IV 113, 18 30, und Thomas spricht vol. III 220, 17 28 von Christus in 17 Superlativen kurzer parallelsätze, wie 1* Gott mit 11 Superlativen I III 21 preist, wahrend I1 keine superlativa häuft und sie auch einzeln nur spärlich verwendet.

4. Besonders deutlich offenbaren I1 und I* die Verschieden- heit ihrer persönlichkeit in der art, wie sie sich an Gott wenden, die sich den erwähnten stilistischen unterschieden entsprechend gestaltet.

I1 hat aufser Domine, Domine Dens, Domine Dens meus, tu Dens, Dom ine Jesu die folgenden anrufe: Domine Deus Inspirator et ittuminator omnium prophetartim I m 2, 15; Domine Deus mens aeterna veritas I in 2, 36 ; 0 verilas mea et misericordia mea Dens meus Triniton beata I in 40, 62; Domine Deus sanete Pater I in 50, 1; tu Clemens et misericors Deus I in 52,12.

I* hat aufser Domine, Domine Deus, Domine Deus meus, Deus meus, Deus, Domine Iesu, Veritas tua, aeterna Veritas, tu Veritas, Pater sanete, Deus meus misericordia mea die folgenden anrufe: Pater caelestis Pater Domini mei Iesu Christi I in 5, 1 (in anlehnung an H Cor. 1,3); 0 Pater misericordiarum et Deus totius consolationis I in 5, 3 (aus II Cor. 1, 3 unter hinzufügung von 0); te cum unigenito Filio tuo et Spiritu Sancto paraclito I III 5,5; Eia Domine Deus amator sanete meus I in 5, 7; Deus meus amor meus I in 5, 71; te dilectum meum I m 5, 80; tu o dtdeissime I in 8, 31; O fons amoris perpetui I in 10, 16; oenignissime Iesu I in 15, 39; fortissime Deus Israel zelator ani- marum fidelium I in 20, 22; dulcissime et amantissime Iesu I m 21,3; O mi dilectissime sponse Iesu Christe amator purissime do- minator universae creaturae I in 21,34; o Iesu splendor aeternae gloriae, solamen peregrinantis animae I in 21,49.50; tu Dens meus, spes mea, salus aeterna I in 21. 66. 67; o Patris sapientia I III 21, 92; Iesu hone I in 23, 41; 48, 34; piissime Deus meus I III, 26, 7; O Deus meus diücedo ineffaoilis I m 26, 15; Pater dilecte I m 29, 10; 50, 64; O lux perpetua, euneta creata tran- scendens lumina Im 34, 36. 37; Domine Deus judex juste fortis et patiens I m 46, 61 (im anschluss an Ps. 7, 12); Pater juste et sev)per laudande I m 50,28; Pater amande I in 50,30; Pater perpetue venerande I in 50, 32; tu Domine Dens mens

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caelestis medicus animarum I in 50, 59; Deus meus misericordi- arum Pater I III 59, 46.

Da nun der gleiche text in einer kürzeren fassung vorligt, in der diese anrufe überhaupt nicht erscheinen, und in einer ausführlicheren fassung, in der sie so stark hervortreten, ist nur die erklärung möglich, dass die kürzere textform durch einen anderen Verfasser erweitert worden ist. und für diese Überarbei- tung kann nur Thomas a Kempis in betracht kommen, da die anrufe von I*, die im gegensatz zu I1 zahlreicher, schwärme- rischer und pathetischer sind und 8 Superlative enthalten, sich sämtlich aus seinen Schriften belegen lassen in einer beweiskräf- tigen fülle, die hier nicht ausgebreitet werden kann.

5. Dem einzigen gebet I in 3, 57 in den 60 capiteln von I1 stehn 4 gebete die als solche bezeichnet sind: I in 15, 39; 23, 24; 23, 41 ; 27, 38 und der gebetsartige abschnitt I ni 46, 61 74 in I* gegenüber, gebete, lobpreisungen und ihnen wesens- gleiche ausführungen bilden den Hauptbestandteil von I*. das ist nicht nur für die persönliche Verschiedenheit von I1 und I* bemerkenswert, sondern auch insofern als I1 durchweg an dem thema der 'Admonitiones ad interna trahentes', wie der titel seiner 60 capitel lautet, festhält, I* vielfach von ihm abschweift, da- mit hängt auch zusammen, dass I* weit öfter in der ersten person spricht als I1.

6. I* ist eine schwächere natur als I1. das zeigt sich zb. I in 19. mit nachdruck heischt der Verfasser: Cessa conqueri und eindringlich weist er darauf hin: Nondum usque ad sanguinem restitisti. leichter wird der mensch, wie er weiter ausführt, seine geringfügigen leiden tragen, wenn er sich vergegenwärtigt, wie viel schwereres anderen beschieden ist, und auf das sieht was Christus und die heiligen erduldet haben. Esto itaque expeditus ad pugnam : si vis habere victoriam. Sine certamine, non potes venire ad patientiae coronam. Si pati non vis: recusas coronari. mit diesen worten schliefst das capitel in I1. und nun sollte derselbe, der andere in solchen kraftvollen mahnungen anfeuert, gleich darauf gesagt haben : Tu scis, quod modicum possum pati : et quod cito dejicior levi exsurgente adversitate (I* in 19,51 53) und sich noch weiter über die eigene schwäche in dem folgenden I*-capitel verbreitet haben ? vgl. aus Thomas zb. vol. IV 125, 9 Tu scis omnem infirmitatem meam.

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7. I1 und 1* unterscheiden sich durch ihr lebensalter. auf I* entfällt die folgende stelle: Suscepi suscepi de manu tua cru- cem ; portabo et portabo eam usque ad mortem : sicut imposuisti mihi. Vere vita boni monachi crux est : sed dux paradisi. In- ceptum est retro abire non licet : nee relinquere oportet. Eia fratres pergamus simul: Iesus erit nobiscum. Propter lesum suseepimus hanc crucem : propter lesum perseveremus in cruce (I in 56, 60 70). so kann nur ein jüngerer mönch sprechen, und dazu stimmt dass Thomas, der, 1380 geboren, 1399 in das kloster der regulierten Chorherren auf dem Agnetenberg bei Zwolle eintrat und 1406 das klösterliche gelübde ablegte, I in seinem 1441 abgeschlossenen autograph, wie Spitzen gezeigt hat, bereits in einer zeit nieder- geschrieben hat, die durch die jähre 1416 1420 zu begrenzen ist. die reife lebenserfahrung und tiefe kenntnis des menschen- herzens, die aus so vielen stellen von I1 spricht, weisen dagegen darauf hin, dass er als älterer mann geschrieben hat. vgl. zb. I III 45, 3 7 Quam saepe ibi non inveni fidem : ubi me habere pulavi. Quoties etiam ibi repperi: ubi minus praesumpsi. Vana ergo spes in hominibus. das ist nicht der jugend, sondern des reiferen alters, nicht einer weltfremden, sondern einer weltkun- digen weisheit letzter schluss.

8. I1 hat für jeden Christen, I* als mönch für mönche ge- schrieben, dass 1* ein mönch gewesen ist, geht aus I m 10 hervor, besonders aus z. 24 26 Non enim omnibus datum est, ut omnibus abdicatis saeculo renuncient : et monasticam vitam assu- mant und aus z. 65. 66 O sacer Status religiosi famulatus; qui hominem angelis reddit aequcüem, und dass er für mönche schreibt, aus der anrede fratres I in 56, 67. ebenso wendet sich Thomas in seinen werken entweder ausschliefslich oder doch ganz über- wiegend nur an seine ordensgenossen, und dass I* und Thomas identisch sind, ergibt sich im besonderen noch daraus dass I* den leoninischen hexameter vita boni monachi crux est: sed dux paradisi einflicht, der nur aus den vier von Thomas stammenden versen vom heiligen kreuz vol. IV 249, 23 bekannt ist. ob I1 ein mönch gewesen ist, lässt sich nicht mit derselben Sicherheit wie für I* entscheiden, die einzige stelle die dafür sprechen könnte, ist I m 45, 42 44 Secfhomines sumus, nee aliud quam fragiles homines sumus: etiam si angeli a mtdtis aestimamur et di- eimur. jedenfalls zeigt aber I1 in dieser demütigen ablehnung

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einer solchen bezeichuung durch andere eine anschauung, die ganz verschieden ist von dem empfinden von I*, der von stolz auf seinen stand erfüllt selbst diesen vergleich zieht und sich in weiteren lobpreisungen des mönchtums ergeht in einer so leb- haften freude und begeisterung, wie sie vorzugsweise in den ersten jähren nach erreichung eines lebensziels au herschen pflegt, I III 10, 63 72 0 grata et jucunda Dei servitus: qua homo rcraciter efficitur über et sanctus. 0 sacer Status religiosi famu- httus; qui hominem angelis reddit aequalem, Deo iplacabilem) dae- monibus terribilcm: et cunctis fidelibus commendabücm. 0 amplec- tendum et semper optandum servitium, quo summum promeretur bonum : et gaudium acquiritur sine fine mansurum. und die schrift von I1 ist nirgends, wie die ausführungen von I*, auf ordens- leute eingeschränkt, weder durch die anrede an den leser noch durch den inhalt, sondern an alle menschen ohne unterschied gerichtet.

9. I* steht hinter I1 in der kunstvollen Verwendung der dialogform zurück. In I1 überwiegt dem thema der Admonitiones gemäfs in den 48 capiteln des dialogisierten teils, der dem buch III von I entspricht, die im innern mahnende stimme des allein redenden herrn in 26 capiteln, Gott redet mit Unterbrechungen des filius, von denen 5 kurze fragen sind, in 6 capiteln, Gott und filius sprechen aufserdem in einmaliger wechselrede in 5 ca- piteln, der filius allein redet in 9 capiteln einschliefslich des als capitel gezählten gebets I m 3, 57, der vf. in zwei capiteln, in denen er sich mit einer anrede an die eigene seele wendet, wie I1 im anschluss an das psalmwort Audiam quid loquatur in me Dominus meus (I in 1, 1) das durch die ersten beiden ca- pitel von I in sich hindurchziehende loqui dem herrn zuweist, lusst er also auch tatsächlich im dialog vorhersehend den herrn die mahnungen zur innerlichkeit aussprechen, dagegen sagt I* am anfang von I III 8 Loquar ad Dominum meum und am an- fang von Im 10 Nunc Herum loquar Domine et non silebo und spricht in den 1 2 capiteln die ihm ganz gehören, 9 mal selbst, die gestaltung des dialogs entspricht bei I* nicht nur dem in- halt und zweck der schrift weniger, sondern I* bleibt auch in der art wie er den dialog in rein formeller beziehung handhabt, hinter I1 zurück, iu I in 48, wo er zuerst als vf., dann zum Herrn gewandt spricht, geht er ohne weiteres aus der einen rede-

NACHFOLGE CHRISTI 31

form in die andere über, in I in 56, wo er eine in I1 stebnde rede des herrn zu einer doppelten wechselrede ausgestaltet, fügt er am schluss z. 67 f auch noch eine anrede an seine Ordens- brüder hinzu, in I in 21 lässt er dem dialog, eine anrede an die eigene seele vorangehn, die I1 nur in den beiden capiteln (I in 1, 16. 16, 5) hat, in denen er selbst redet, und weiterhin z. 71 den in der ersten person an Gott gerichteten Worten un- vermittelt folgen: Ecce adsum; ecce ego ad te, ohne den Wechsel in der person des redenden, der sich erst aus dem inhalt der folgenden zeilen ergibt, anzudeuten, was I1 nirgends versäumt, derartige abweichungen von einer streng einheitlichen rede- form zeigt auch Thomas, der zb. vol. I 87, 6 in emiahnungen an andere die eigene seele anredet und vol. V 146 150 in einem capitel, das er nach den eingangsworten Benedico et gratias ago tibi, Domine Iesu Christe an Christus richtet, die Juden, Pilatus, den leser, die inenschheit anredet und sich dann wider an Christus wendet, in einem und demselben capitel, in dem er aufserdem noch in erzählenden und erörternden sätzen als vf. zum leser spricht und in selbstmahnungen wie Sit mihi titulus iste cordiale solamen in xnesstiris. Während ferner I1 den Herrn die worte des filius bestätigen lässt mit einem kurzen Ita est ßi I III 12, 5, äufsert I* umgekehrt seine Zustimmung zu Worten des Herrn I m 4, 9 Domine verum est und I in 17, 6 Domine verum est quod dicis. ähnlich zeigt er sein einverständnis an I III 23, 3. 4 Fac Domine quod dicis: quia hoc mihi gratiim est audire und I ni 23, 34 Fac Domine ut loqueris. ebenso verfährt Thomas, der zb. vol. I 4, 28 Bene locutus es Domine; vol. IV 197, 15 Domine verum est quod loqueris: placet mihi omne quod dicis sagt. 10. Für die ursprüngliche Selbständigkeit der 60 capitel von I1 zeugt endlich ihr abschluss. der vf. hat überall die höchsten anforderungen einer idealen religiösen lebensgcstaltung in seinen 'Admonitiones ad interna trahentes' gestellt: zuletzt gibt er nun dem am erreichen dieses hohen ziels verzagenden und dem strauchelnden den trost: Homo es et non Deus. Caro es, non angelus (I in 57, 35 37) und schliefst seine schrift mit den Worten: Da finem bonum: da felicem ex hoc mundo tran- situm. Memento mei Deus meus : et dirige me recto itinere in regnum taum. Amen,, die an den das ziel der mahnungen be- bezeichnenden anfaug der schrift: Begnum Dei intra vos est diät

32 HAGEN

Dominus anklingen, das muss das schlusscapitel sein aus gründen der inneren Wahrheit wie der form, diesen prachtvollen har- monischen ausklang hat I* zerstört durch nachstellung des von ihm ei*weiterten cap. 58, das in I1 vor I in 56 steht, und durch hinzufügen von cap. 59 mit einem zweiten schlussaccord: Protege et conserva animam servuli hei inter tot discrimina vitae corruptibilis: ac comitante gratia tua dir ige per viam pacis ad pa- triavi perpetuae daritatis. Amen., zu dem ich zh. verweise auf Thomas vol. III 55, 11 ut viam nobis ostenderes ad patriam da- ritatis aeternae und vol. III 372, 27 atque post hujus mundi varia discrimina ad perpetuae beatitudinis portum te suffragante merear sakas pervenire. man vergleiche die heiden abschlusssätze in I1 und I*, und man spürt den unterschied im stil. man ver- gleiche die worte Caro es, non angelus in I1 und 0 sacer Status religiosi famulahis] qui hominem angelis reddit aequalem in I* III 10, 65. 66, und man erkennt die Verschiedenheit der beiden vff. Mit dem in einem umriss hier vorgelegten ergebnis dürfen wir uns nicht begnügen: es stellt uns vor die aufgäbe, den text der lateinischen Urschrift aus ihrer Überarbeitung I und ihrer Übersetzung L, die in der erhaltenen textform den einflüssen einer längeren Wanderung ausgesetzt gewesen ist, kritisch wider- herzustellen, es würde zu weit führen, in dieser vorläufigen mitteilung hierauf näher einzugehn. ich beschränke mich auf die bemerkung, dass ua. an verschiedenen stellen von I text- besserungen gewonnen werden, die teilweise mit den lesarten einer bestimmten handschriftengruppe von I übereinstimmen, teil- weise nur aus L zu erschlief sen sind, möchte aber nicht unter- lassen, ein beispiel der letzteren art hier anzuführen, der satz I II 10, 24. 25 Semper mim debetur gratia digne gratias referenti: et auferetur ab elato qiiod dari solet humili ist unbaltbar. den formellen anstofs , der in der Verbindung der Verbformen von ungleichem tempus ligt, hat man bei der Vervielfältigung von I bemerkt: in den meisten handsebriften ist z. 25 mit aufertur ohne et angeschlossen, dieser ausgleich setzt aber an der falschen stelle ein. es ist dem Avesen und begriff der gnade eigen, dass sie nicht wie das recht 'gebührt1 und dass daher eine Verbindung von gratia als subjeet und debetur als prädicat unzulässig ist, dass debetur hier aus dabihir verlesen ist, geht aufserdem noch daraus hervor, dass der satz nur eine umschreibende erklärung

NACHFOLGE CHRISTI 33

einer ganz bekannten bibelstelle ist, die bei den Synoptikern 5 mal vorkommt : Matth. 1 3, 1 1 Qui respondens, ait iUis : Quia vobis datum est nosse mysteria regni caelomm: Ulis autem non est datum. 12 Qui enim habet, däbitur ei, et abundabit: qui autem non habet, et quod habet auferetur ab eo; vgl. Matth. 25,29; Marc. 4, 25; Luc. 8, 18. 19,26. der fall ligt so klar, dass es zumal bei einem so vielgelesenen buch auffällig ist, dass, soviel ich weifs, noch niemand an debetur anstofs genommen hat aufser dem schreiber des in der Vaticana befindlichen codex Palatinus 3 der nach Puyol Variantes du livre De Imitatione Christi (Paris 1898) debetur tel datur bietet, und, wie ich aus G. de Gregory Histoire du livre de l'Imitation de Iesus-Christ, et de son veri- table auteur (Paris 1842) vol. II p. 321—327 ersehe, aufser einem italienischen Übersetzer Acquistapace (Mailand 1836), der unter hinweis auf die ausgäbe von Bodoni (Parma 1793), in der datur statt debetur steht, die von Gregory mit unrecht be- strittene völlig zutreffende ansieht geäufsert hat, dass der satz mit debetur an sich absurd sei und im Widerspruch stehe zu der lehre des vf., der überall bezeuge, dass die gnade nicht eine Verpflichtung, sondern ein geschenk des Herrn sei. L hat nun an der stelle von debetur richtig wert gheven, wie für auferetur : wert ghenomen. Thomas, der das aus däbitur verlesene debetur in seinem autograph geschrieben hat, kann den satz nur über- nommen, nicht geformt haben.

Der zweite zu I in beziehung stehnde anonyme niederdeutsche traetat den ich gefunden habe, ist betitelt 'Wo men sich h ebben schal vor der missen' und entspricht cap. 6 9 des rv buchs von I. dass diese capitel eine ursprünglich selbständige sonder- sebrift darstellen, hätte auch schon aus I allein erkannt werden können, an ihrem inhalt, denn sie sind breve aliqxiod exercitium sacrae communioni congruum (I iv 6, 11. 12). an ihrer form, denn diese andachtsübung hat ihren eigenen eingang und ab- schluss. sie beginnt mit dem zagenden verlangen nach der communion, und ein solcher anfang ist hier um so bemerkens- werter, als er nicht etwa im ersten capitel des 'Devota exhortatio ad sacram communionem' betitelten iv buches von I steht,' son- dern unmittelbar auf ein capitel folgt welches das priestertum verherrlicht und eine ganz andere Stimmung zum ausdruck bringt, ebenso hat sie ihren besonderen abschluss in den gebetsworten

Z. F. D. A. LIX. N. F. XLVII. 3

34 HAGEN

Miserere miscrere Domine (I iv 9, 57 f), die in die bitte ut simus digni r/ratia iua perfirm: et ad vitam proficiamus aetemam aus- klingen und mit einem Amen enden, die Untersuchung zeigt, dass dieser einheitliche und in sich abgeschlossene tractat be- sonders auch aus stilistischen gründen Thomas abzusprechen ist, und dass er ihn, wie sich aus der niederdeutschen Übersetzung ergibt, seinem standpunct als priester ebenso angepasst hat, wie er in der Überarbeitung des ersten tractats den ordensmann her- vorkehrt, bei der widerherstellung des tractats ist ua. wider eine auffällige lesart in I zu berichtigen, in I IV 9, 36 f steht: Offero quoque tibi omnia pia desideria devotorv-m; necessitates pa- rentum, amicorum fratrum, sororum omniumque carorum meorum. die lesart amicorum ist unhaltbar, wer wird denn in einer der- artigen aufzählung die familie zerreif sen und die freunde zwischen eitern und geschwister stellen oder amicorum überhaupt noch neben omniumque carorum meorum gebrauchen, da hiermit eben die freunde bezeichnet sind (vgl. I n 8, 47 ex omnibus caris; I in 53, 16 a notis et a caris) ! dass amicorum lesefehler von meorum ist, zeigt die Übersetzung des tractats: de notroffticheyt myner olderen, brodere unde susteren unde alle myner leven vrunde. da Thomas amicorum geschrieben hat, kann er nicht als Verfasser dieser stelle gelten, übrigens haben nach Gence bei Puyol Va- riantes p. 422 zwei hss. von I meorum, womit sie die richtige lesart, sei es mit oder ohne kenntnis des ursprünglichen tractats, widerhergestellt haben.

Durch die handschriftenfunde und ihre lehren ist eine feste grundlage auch für den weiteren ausbau der Untersuchungen ge- geben, so lässt sich zeigen, dass die meisten übrigen capitel des iv buchs von I Thomas zuzuschreiben sind, dass er aufser- detn aber noch eine aus cap. 10. 12. 15. 18 herauszulösende schrift in erweiterter form mit ihnen verbunden hat, und ferner, dass auch das i buch von I eine Überarbeitung eines älteren tractats ist.

Im anschluss an diese ergebnisse erstrecken sich die Unter- suchungen, was ich hier ebenfalls nur ganz kurz andeuten kann, auf eine prüfung der wichtigsten Zeugnisse und argumente in der Streitfrage der Imitatio Christi, es sind Zeugnisse vorhanden, in denen Thomas als compilator der Imitatio bezeichnet wird, gegen Thomas als vf. blieb als einziger aber schwerwiegender

NACHFOLGE CHRISTI 35

grund immer noch das psychologische bedenken bestehn, dasa jemand ein werk und zwar ein religöses werk in verhältnismäfsig jungen jähren verfasst haben könnte, das seine übrigen zahl- reichen Schriften so erheblich an bedeutung überragt, man hat allerdings behauptet, der abstand sei gar nicht so grofs; aber die zeit hat doch ein anderes urteil gesprochen, das durch ver- gleichende ausblicke als richtig bestätigt wird.

Endlich ist festzustellen, dass die Urschriften nur von Nieder- landern verfasst sein können, die einer der beiden auf Gerhard Groot zurückgehenden gemeinschaften angehört haben, den Brüdern vom gemeinsamen leben oder den Windesheimcrn. die über- zeugenden beweise, die namentlich Spitzen und Becker in ihren forschungen nach dieser richtung hin für das als einheitlich auf- gefasstc werk gegeben haben, behalten auch für die einzelschrifteu ihre gültigkeit.

So ist das auf niederländischem bodeu erwachsene werk der weltlitteratur, die Imitatio Christi, in ähnlicher weise ent- standen wie die gedichte Homers und das Nibelungenlied.

Vielleicht wird es dem gefühl mancher die mit dem buch von der Nachfolge Cristi von jugend auf vertraut gewesen sind, widerstreben, dass Thomas a Kempis zwar daran beteiligt, aber mehr redactor als Verfasser gewesen sein soll, der Ursprung des werkes ist uud bleibt aber rein niederländisch: Gerson oder gar ein italienischer Gersen haben nichts mit ihm zu tun. und in den Niederlanden, wo die Urschriften und ihre Überarbeitung ent- standen sind, wird man zu einer zeit, wo 500 jähre seit dem abschluss des werkes durch Thomas verflossen sind (der nach Spitzens begründeter ansieht die Imitatio in seinem autograph in den jähren 1416 1420 geschrieben hat), mit berechtigtem stolz des einheimischen buchs gedenken können , das ein er- bauungsbuch für Christen aller confessioneu geworden ist und aus dem "menschen verschiedenster Überzeugungen weit über die kirche hinaus für das eigene leben geschöpft haben'. (Eucken Die lebens an Behauungen der grofsen denker11 s. 262.)

Lübeck. Paul Hagen.

DAS QUELLEN -VERHÄLTNIS DES 'BORTEN'.

Bei der abfassimg meiner schrift 'Der Borte des Dietrich von der Glezze' (Heidelberg 1915) l hab icb, mehrfache hinweise auf eine antike quelle übersehend, behauptet, es lasse sich eine verwantschaft mit ähnlichen erzählungen der weltlitteratur nicht feststellen (s. 70 anm.). es ergibt sich jedoch schon aus einem flüchtigen vergleich, dass wir im Borten die Prokriscrzäklung des altertums, stark vermittelalterlicht allerdings und erweitert, widerfinden, diese beziehungen des deutschen gedichts zur antike sollen im folgenden etwas eingebnder untersucht werden.

Zuvor einiges über die erwähnten älteren hinweise.

Zuerst ist m.w. von FLiebi-echt Pf. Germ. 1,261 mit be- stimmtheit auf die fabel von Kephalos und Prokris, 'wie sie Antoninus Liberalis c. 41 erzählt', als die quelle des Borten hingewiesen worden, dann hat Pßajna Le fonti dell' Orlando furioso (2 aufl. Florenz 1900), wo er s. 584 f als quelle für die erzählungen im 43 gesang Hygins fabel von Kephalos und Prokris in ansprach nimmt2, den Borten als aus derselben quelle stammend erwähnt, weitere bemerkungen über den engen Zu- sammenhang der antiken und der mittelalterlichen erzählung findet man in vWilamowitz-Moellendorffs aufsatz 'Phaeton' Hermes 18,425 anm., demzufolge von Hygin, Antoninus Libe- ralis und Ovid (Metam. 7, 685 ff), welche 'im wesentlichen gleich berichten', Hygin als mittelbare oder unmittelbare quelle für den Borten in betracht kommt, diese hinweise widerholend führt dann EKöhler Germ. 31, 49 ff (jetzt Kl. sehr. II 471 ff) eine reihe andrer parallelen an. er hält auch die gemeinsame abstammuug der antiken fabel und der andern verwanten erzählungen aus einer orientalischen quelle für möglich, wie dem auch sei, jeden- falls sind diese erzählungen, wie das vergleichen mancher einzel- heiten lehrt, mit der geschichte von Kephalos und Prokris nicht so nahe verwant wie der Borte, zur frage der verwantschaft des Borten mit den verschiedenen fassungen der antiken fabel bringt Köhler nichts neues bei, ebensowenig Joseph Brock in seinem buch Hygins fabeln in der deutschen litteratur (München 1913), s. 31 ff.

Wir begegnen in der angeführten litteratur also zwei an- sichten über die quelle, aus der Dietrich direct oder indirect geschöpft haben soll : einmal wird Antoninus Liberalis, mehrmals

1 Germanist, arb. hg. von Baesecke 3 ; im folgenden kurz als ausg. citiert.

2 auf Anton. Lib. wird nur in anmerkungen (s. 581 f) hingewiesen.

MEYER, DIE QUELLE DES BORTEN 37

Hygin als gewälirsniann unseres dichteis hingestellt l. die Unter- suchung wird /.eigen, dass weder die eine noch die andre ansieht unbedingt richtig ist. <'s sei noch darauf hingewiesen, dass die beiden fassungen der erzählung, wie sie bei Antonmus und Hygin vorliegen, durchaus seihständig neheneinanderstehu und nicht voneinander abhängig sind, was aus den folgenden Inhalts- angaben, die ich zur leichteren Orientierung voranstelle, zur ge- nüge erkennbar ist .

Antoninus Liberalis (A.) erzählt Metamorphosen cap. 41 (AXdant]B,) 3 : Kephalos, der gatte der Prokris, wird von Eos ent- führt . . . (Kicke), darauf stellt er die treue seiner gattin auf die probe: er gibt vor, auf die jagd zu gehn, und sendet zu der f'rau einen ihr unbekannten sclaven mit einem goldschatz. er lässt sich für einen fremdling ausgeben und verspricht ihr den schätz unter der bedingung, dass sie ihm zu willen sei. erst als er das doppelte bietet, erklärt sie sich einverstanden, nach seiner ankunft (am abend) legt sie sich neben den ver- meintlichen fremden nieder, worauf er eine fackel herbeiholt und sie der untreue überführt, aus schäm verlässt sie ihn tind flieht nach Kreta, dort verhilft sie dem wegen einer scheufslichen krankheit kinderlosen könig Minos zu nachkommenschaft und erhält dafür einen Wurfspeer und einen hund4, denen kein tier entgehn kann, nach der rückkehr in die heimat legt sie männer- tracht an und jagt mit Kephalos zusammen, da Prokris das Jagdglück hold ist, erwacht seine begierde nach dem wurfspiefs. auch den hund verspricht sie ihm, wenn er ihr, die er für einen mann hält, seine liebe schenken wolle, er ist einverstanden; als er sich niederlegt, offenbart sie sich als sein Aveib und schilt ihn, weil er sich viel schlimmer vergangen habe als sie selbst, darauf erhält Kephalos hund und speer. später jagen Kephalos und Amphitryon verbotenerweise einen räuberischen fuchs, zur strafe verwandelt Zeus beide in stein.

Hygin (H.) berichtet in fabel 189 ('Procris')5: Prokris ist

1 Ovid kann für Dietrich nicht quelle gewesen sein; denn die den gatten blofsstellende Verfehlung, die bereitwilligkeit zur Päderastie, auf die im Borten recht ausführlich eingegangen wird, fehlt hier, auch andre antike autoren, welche die geschichte von Kephalos und Prokris erzählen, können unberücksichtigt bleiben, da diese berichte nur als die wurzeln anzusehn sind, aus denen die erzählungen des Antoninus und Hygin erwuchsen; vgl. vWilamowitz aao. S. 424 f anm.

2 hei den für den Borten nicht in betracht kommenden ab- schnitten wird der inhalt nur angedeutet.

3 ausg. v. EMartini Mythographi Graeci II 1, s. 123 ff.

4 von dem hunde, der noch im Borten (in den beiden Windspielen) weiterlebt, notiert Julius Pollux (ausg. v. Dindorf 1824) V 39 ua. : "Hcpatsto; iv. yaXxou Atjjj.ovtj:;iou ya).xE'j3c<|j.Evo;, <l*u/*iv 'v9£t's> Söipov eScuxe Ali xä/etvo; E&p&irg, auTT) 51 Mfoqj xal Mfvco; IlptfxplSi xal Ilpoxpi; KecpaXtu.

5'ausg. v. MSchmidt (1872) s. 120f.

38 MEYER

ihrem gatteu Kephalos in treue verbunden, gelegentlich einer jagd entbrennt Aurora in liebe zu diesem. Kephalos weigert sich, ihrem wünsche zu willfahren, da er seiner gattin treue ge- lobt habe, er solle die treue nicht brechen, bevor Prokris sie gebrochen, antwortet sie, verwandelt seine gestalt und stattet ihn mit herrlichen geschenken aus. Kephalos gibt die geschenke der Prokris und schläft bei ihr. darauf nimmt ihm Aurora das fremde aussehen. Prokris sieht sich betrogen und flieht nach Kreta, wo Diana jagt, diese empfindet mitleid, gibt Prokris einen stets treffenden speer und den hund Laelaps 1, dem kein wild entflieht, und befiehlt ihr, sich mit Kephalos im jagen zu messen, daraufhin kehrt Prokris zurück, fordert, durch männ- liche tracht unkenntlich gemacht, ihren gatten zum Wettstreit heraus und besiegt ihn. Kephalos bittet den fremden, ihm speer und hund zu verkaufen, dieser weigert sich, auch als Kephalos ihm einen teil seines gebietes als kaufpreis anbietet; wolle Ke- phalos jedoch durchaus sein begehren erfüllt sehn, so solle er ihm seine liebe gewähren, des gatten begierde ist so stark, dass er auf das verlangen des fremden eingeht, der sich dann als trau und als seine gattin zu erkennen gibt. Kephalos versöhnt sich mit ihr und erhält was er gewünscht hat. trotz der Ver- söhnung folgt ihm die eifersüchtige Prokris später heimlich, als er auf die jagd geht; da Kephalos eine bewegung des gesträuches sieht, nimmt er an, es sei ein wild, wirft den speer und tötet seine gattin.

Die Verschiedenheit der beiden fassungen wird auf den ersten blick deutlich: bei A. ist Minos der schenker von speer und hund, die Ursache der Schenkung ist dankbarkeit; bei H. gibt Diana die geschenke und zwar aus mitleid2. ebenso stark weicht der schluss der erzählung in A. von dem in H. ab 3. jedoch in den für den B. wichtigen teilen berichten beide in den grundzügen dasselbe was Dietrich von der Glezze erzählt: die durch geschenke zur untreue verleitete trau gewinnt den zürnenden gatten dadurch wider, dass sie ihn der bereitwilligkeit

1 es ist bemerkenswert für das Verhältnis der beiden antiken autoren zu einander, dass der griech. bundename (Xoühj.^ = 'stürm') in dem griech. text des A. nicht vorkommt. Ovid nennt (Met. 7,771) den hund des Kephalos ebenso wie H., wie er überhaupt mit diesem mehr übereinstimmt als mit A. Laelaps kommt auch Met. 3, 211 in einer reihe anderer griech. hundenamen vor.

2 vWilamowitz meint wol mit recht, dass bei H. absichtlich 'Ar- temis an die stelle des Minos gerückt ist, um dessen schmutzige krank- heitsgeschichte zu eliminieren', denn auch H. ist die krankheit des Minos bekannt, vgl. Hygini Astronomica ed. Bunte (1875) cap. 35, 73: '(Canis) dicitur . . . ad Minoa pervcnisse. Quem Prodis Cephali uxor laborantem dicitur sanasse et pro eo beneficio canem muneri accepisse . . .'

3 diese garnicht zur ehebruchsgcschichte passenden und wol unorganisch angefügten Schlüsse können, da sie im Borten fehlen, im folgenden aufser betracht gelassen werden.

DIE QUELLE DES BORTEN

39

zur päderastie überführt, wir können also die berichte von A. und H. zunächst als relative einheit, als antike erzählung, der mittelalterlichen Dietrichs gegenüberstellen, das bild ändert sich jedoch, sobald wir die beiden antiken autoren untereinander ein- gehnder vergleichen, es ergibt sich dann, dass sie sich auch in manchen einzelheiten nicht unerheblich voneinander unterscheiden, und gerade die kleineren unterschiede sind für uns ein mittel, das Verhältnis des B. zu A. und II. näher zu erkennen.

Zur erreickung dieses zieles ist eine Zusammenstellung wich- tiger, einander entsprechender stellen l notwendig :

Anton. Lib.

123, 17 f. y)v y.ctAö? xotl

ävöpEio?.

Borte.

11 ff. Ez was ein ritter lo-

belich,

mit bubscheit tilgende rieb,

der was Conrat genant . . .

23ff. er banete dicke den li]>

durch rum und durch schone

wip . . .

(folgt bericht über seine

gattin).

90. ni wart kuseber wip ge-

born . . . 102 f. er sprach : mir tut

min herze kunt, d a z du mir getruwe

bist ...

Hy gin.

120, 4f. qui cum mutuo amore tenerentur, alter alteri f i - dem dederumt, ne quis cum alio coneumberet.

99. ... g egen tage nach

ir minne. (Conrat reitet zum tumier : ein fremder ritter sieht seine gattin).

120,6. matutino tempore (in moii- tem exisset).

124, 5 f.... d v >j p 151. er enbrante an ir | £ v o $ ipacsöei; minne...

(ötSoi toüto xh /p'j- 202 f. ich bin gar ein 120, 9 f. itaque com- afov). vremder gast. mutat eum in ho spi-

tis f iguram.

124,6. . . . oiooT 219 ff. vrowe gut, lat mich 120, 10 f. ... dat mu- xoüxo -/p'jafov. leben. nera speciosa, quae

icb will uch einen habieb Procri deferret.

geben, der gulde fünfhundert marc. (ähnlich 233 ff. 253 ff . 27iff.)

1 da die grundzüge der erzählung bekannt sind, bleiben stellen des Borten die bei A. und H. in gleicher weise ihre eDtsprechung finden, in der regel unberücksichtigt. zur Verdeutlichung hinzu- gefügtes ist in parenthese eingeschlossen.

40

MEYER

Anton. Lib.

124, 7 f. r U 11p 6-

npt; u.£ v -p<L-

T 0 V ä ~ 0 ). £ y £ T K !

T Ö V '/f/J'i'jV ...

Borte.

•227 ff. di frowe sprach : do- li ein vedcrspil

nimmer ich gewinne n w il

minen herren also . . . (ähnlich 241 ff. 264 ff.)

Hygin.

124,8. i-i1- U 6 i r. X d g i o v eii- ir.z ptye. v ...

124, 8 f. (ir.z\ 5s SinXdaiov Efoemft^ev,)

6 ,u o X o y s I v. 7 i rpoaoe y £ t xi

V Xdf 0 V.

278 f. genade, rosenroter

munt ! ich hau einen horten, der ist an beiden or- ten geziret mit edelen

steinen ... 307 ff. s werden borten

umb e hat ... er gesiget zu aller

zit . . . 321 f. Do der ritter daz

gesprach, di vrowe vor sich nider

sach . . . 333 ff. si sprach : h e r r e

w o 1 gemut, gebet mir den borten

gut, habich, ros und hunde, die sint izu gebunden in min heimlicheit . . . nu muz uwer wille rehte an aller slahte wan an tougener minne

vor gan.

120, 11 f. muneraPro- cri dedit.

124, 9 ff. 6 5e Ki- cpaXoc Sri 7. b ti] v e y v tu ... y. a t a- •/. Xtvetdav ü> ; i p ä v ; i v o v, oaöa xaiofiivrjv rcap- r^tf/.i y.?.\ y.y-.i- cp&pasev cor/v.

124, 3 f. [IpdxpiS«

5; £'.5C(-£3T£).).ev CCV-

6 p a o i x '. r( t 7] v drvÄxa.

349 f. do die v r o w e n i- der seic

und der ritter nach n e ic.

355. do das spil er- gangen was . . .

379 ff. ein k n e h t der hete

gesehen, waz in dem garten was

geschehen, gegen dem wirte er do reit ; er seite im sin herzenleit . . . (ritter Conrat kehrt sofort um. die frau in männer- tracht : 'her Heinrich' ! findet ihn später bei einem herzog; dieser unternimmt eine jagd.)

120, 12. (munera Pro- cri dedit) et cum ea coneubuit.

DIE QUELLE DES BORTEX

41

Anton. Lib. 125, 14 ff. K^cpaXo;

|AEV O'JOiV ir.lVJf-

/ave Tiüv 7ipö; ttjv ö/'ipav , aravxa 8s auve'cpepE npäc "rijv Ilpoxotv, £7te86(iT)ae gi'jtöc tov axovTa toütov >.c<ßeTv.

Bort e.

5691'. do der herzöge daz

gesach, daz daz wunder da gescbacb, in duhten di winde starc, er bot fünfhundert

m a r c umbe di selben

winde. (ähnlich 583 ff.)

Hygin.

120,21 ff. Cephalus ut vidit tantam potentiam canis atque iaculi esse, petit ab hospite. . ., u t s i b i iacülum et cancm venderet.

597 ff. (her Heinrich uf dem

ors enbor reit in allen verre vor.) der herzöge umbe daz ors

bot lant unde golt rot. (später sind Heinrich und Conrat allein zusammen)

120, 24. r egni quo- que partem pol- 1 i c e t u r.

125,16ff.£-Ei%urr ~v* a'jTÖ; tÖv ä'y.ovxa ro^Tov tatßeTv.

710 ff. her Conrat begonde

biten hern Heinrich umbe die

winde, er sprach : ob ich vinde, geselle min, daz ane dir, daz du di winde gebest

mir oder habich oder ros . . .

719 ff. her Heinrich sprach :

geselle min, du verlusest di bete

di n; niman ich geben wil winde, ros oder vederspil . . . (ähnlich, 577 f. 590 ff. 601 f.)

120,23f. illanegare c o e p i t : (regni quo que partem pollicetur ;) i IIa negat.

725 ff. her Conrat sprach :

geselle min, ... ir solt mir niht so

versagen, do sprach her Heinrich sa

zuhant : . . . 125, 17ff. xal (töv weit ir tun daz ich x'ivaripoxpi;)7:po5- wil,

u 7t £ay ex o SuxjEtv, so g i b e ich uch das

vederspil. her Conrat sprach : geselle

min, waz ir weit daz sol sin. her Heinrich sprach : . . . du must dich nider

zu mir legen, ...

et a'j-Tj ir,; wpa; e" ö e X r, a a t t tj ; eoutoü yapfaa-

120, 24 f. (illa negat) sed si utique, ait, perstas id possi- dere, da mihi id quod pueri solent dare.

12

MEYER

An ton. Lib.

125,19«'. ooiks-

töv Äoyov.

125. 20 ff. xo\ 8t 8 x a x e x X £ v 7) a a v ,

E&CfTjVEV EaUTTJV f(

Hpdxptc xai d) ve t-

6tGE t o v K stpa- Xov,^aÜTo;Tio- X i> a i'Gjr io v ££a-

JJL Ct p T 0 t.

Hygin.

120,25 f. ille amore iaculi et canis in- census promisit se datururn.

120, 26 fF. qui cum in thalamum venissent, Procris tunicam le- vavit et ostendit, se feminam esse et con- iugem illius.

Borte.

7G3 ff. zuhaut sprach her

Conrat . . . : ich wil iz allez liden . . . 767 ff. des du hast ge-

gert an mich, d a z wil u n d e m u z ich dulden durch winde

und v e d e r s p i 1.

773 ff. her Heinze hern Con- rat uberreit, daz er sich an den

rucke leit. do sprach her Heinrich :

\v e i z g o t , i r sit worden mir ein

s p o t ! weit ir nu ein ketzer

sin durch hunde und den

ha b ich min? vil untugenthafter lip, ich bin uwer elich wip . . . 795. daz ich tet daz

was mens chl ich . .. 811 f. herre, du selbe

w o 1 weist: di schulde was din

allermeist.

803 ff. her Conrat sprach:

vrowe min, ich wil uwer eigen sin. vergebet mir di u n -

zuht, vrowe, libe reine fruht. si sprach: daz tun

ich gerne ... 810. den zorn sul wir

stillen ...

125. 22 f. xol tov 813 ff. nu nim den habich 120, 28. Cephalus mu- jjlev x6vo xal tto und daz ros, neribus aeeeptis fre-

ctxovxa ~isj.\>.yr,v. du enwirdest nimmer sige- dit in gratiam). Kiyakos. los,

den borten und di hunde.

120, 28 f. cum qua Cephalus ... redit in gratiam.

Aus dieser Zusammenstellung geht hervor: manche einzel- heiten des Borten finden sich nur bei Antoninus, andre wider nur bei Hygin vorgezeichnet, so sind, um fürs erste nur haupt- n hervorzuheben, folgende züge allein bei A. zu entdecken: die zunächst ablehnende haltung der frau (124, 7 Borte 227 ff), die sich erst durch das doppelte des anfänglich gebotenen (bei Dietrich durch den den andern kostbarkeiten hinzugefügten

DIE QUELLE DES BORTEN 43

wunderkräftigen gürtel) zur nntreue bewegen läset (124, 8 ff Borte 338 ff); dann das zornige schelten der gattin, welche ihrem mann den Vorwurf macht, er habe sich viel schlimmer vergangen als sie seihst (125, 20ff Borte 77.'» ii. Sil f) l. darüber bringt H. kein wort. andre wesentliche einzelzüge, welche in den Borten übergegangen sind, können widerum nur aus II. stammen: das angebot des Kephalos (im Borten allerdings nicht das des gatten. sondern des berzogs), hund und speer(B. : hunde, habicht und ross!)' zu kaufen (120, 22 f— B. 572 f. 588 f. 599 f); sein entschluss, sogar einen teil seines gebietes dafür zu opfern (120,24 B. G00); ferner die Weigerung der frau (120, 23 f B. 719 ff), welche den mann zunächst bitten und bieten lässt und dann erst den beiklen gegenvorschlag macbt.

Andre stellen sind zwar nicht so beweiskräftig, sie verstärken jedoch den bisher gewonnenen eindruck: vgl. B. 11 ff mit A. 123, 17 f; B. 151. 182 ff mit A. 124, 5 f (ipaöStlg); B. 349 mit A. 124,10 (juxxaTiXivtlöav) ; B. 379 mit A. 121, 3 f (ävdpa. oinir]X7]v. ein knecbt erscheint also im Borten wie bei Antoninus als Vertrauensperson des gatten); B. 710 ff mit A. 125, 16 ff (Conrat bittet seine gattin nur um einen teil ihres kostbaren besitze«, wie Kephalus bei A. nur auf den speer sein begebren ricbtet). anderseits vgl. B. 90. 102 f mit H. 120, 4f; B. 99 mit H. 120,6; B. 768f mit H. 120,25*"; B. 803ff. 810 mit H. 120. 28 f.

Es mag sein dass es sieh bei einigen der angeführten stellen um zufällige anklänge bandelt, deshalb könnte man jedocb nicht behaupten, Dietrich habe nur aus einem der antiken autoren geschöpft, alles in diesem nicht enthaltene sei sein eigentum. denn neue motive bringt er nicht (bis auf einen fall : s. anm.), wenn sie nicht bei A. (vgl. etwa 124, 7 ff. 125, 20 ff) oder bei H. (zb. 1 20, 23 f.) vorgezeicbnet sind, so bätte es nahe gelegen, um die Spannung zu erhöhen, den ritter Conrat sich erst eine weile besinnen und einwendungen machen zu lassen, bevor er auf das ansinnen Heinrichs eingieng. doch dies retardierende moment fehlt bei A. wie bei 11. und dem entsprechend auch im Borten3.

1 auch Ariost stimmt in diesem punct mit Antoninus überein; vgl. Kajna aao. s. 5S2 anm.

s es ist von Wichtigkeit, dass Dietrich nicht den kraftverleihenden gürtel die begierde (des herzogs und) des ehemanns erregen lässt (so Baesecke Wiener Oswald s. XC), sondern die dem Jagdhund und dem jagdspeer der antiken erzählung entsprechenden jagdtiere (bzw. das streitross). die nachwirkung der antike wird hier wider deutlich, (der gürtel ist also eigne erfindung des deutschen dichters oder einer andern quelle entnommen.)

3 die verse 745 f enthalten offenbar eine solche einwendung nicht: vgl. v. 749 70!). einmal findet sich allerdings auch bei Dietrich ein neues motiv, doch ist er hier me. wenig glücklich ; ich meine die

44 MEYER

Die darchmusterung des Vergleichsmaterials lässt also offen- bar nur einen schluss zu : Dietrich hat seinen stoff weder un- mittelbar noch mittelbar aus nur einer der antiken fassungen. wir müssen vielmehr, da es höchst unwahrscheinlich ist, dass der dichter beide gekannt und demnach auch den griechischen text benutzt habe, als quelle für den Borten die erzählnng von Kephalos und Prokris ' in einer gestalt erschliefsen. die eine zusammenarbeitung der beiden berichte darstellte, ein späterer antiquar, dem die Verschiedenheiten der beiden fassungen auf- fielen, mag sie vorgenommen haben -.

Dieser zu erschlicfsenden contamination (X) ist Dietrich also in den grundzügen der erzählung wie in vielen einzelheiten gefolgt, manches hat er (oder schon ein etwaiger Vorgänger) allerdings stark geändert, der Verführer der frau ist im Borten nicht der unkenntlich gemachte ehemann selbst, sondern ein fremder ritter; natürlich, denn Aurora, welche bei Hygin die gestalt des mannes verwandelt, konnte der mittelalterliche dichter kaum heranbemühen; eine Verführung bei nacht anderseits durch den sich als fremdling ausgehenden gatten (A.) hätte die so klang- und farbenprächtig ausgeschmückte liebesscene im garten (344 ff) unmöglich gemacht, ferner: der knecht (A.) wird nicht vom herrn zur frau gesaut, sondern er reitet Conrat entgegen und verrät ihm die treulosigkeit seiner gattin, eine änderung die notwendig war, da der gatte ja nicht in eigner person sein weib bei der untreue ertappt, daher kann im B. die frau auch ver- mittels (eines teils) derselben geschenke, die sie von dem ritter erhalten hat, ihren mann blofsstellen. zugleich wurde so der in der antiken erzählung mit dem verführet nicht identische schenker von speer und hund (Minos bzw. Diana) übei'flüssig. dann : nicht die frau verlässt ihren mann, sondern der auf der heimfahrt begriffene Conrat macht kehrt, sobald er die nachricht von der treulosigkeit seiner frau erhalten hat. deshalb kehrt im B. ßchliefslich auch die frau nicht nach hause zurück, sie

nicht recht glaubwürdige hehauptung der frau, sie habe nur deshalb das angebot des fremden ritters angenommen, damit ihr gatte mit des borten kraft wer der in der ritter Schaft sei (Borte 787 ff; ähnlich schon 227 ff, wo jedoch wol reimnot mitgespielt hat : v. 229). bei den unten angeführten änderungen im Borten handelt es sich natürlich nicht um neue inotive, sondern mehr um Umgruppierungen und moder- nisierungen.

1 nach den Schlussworten der zusatzverse ist Dietrich wol von "Wilhelm von Weidenau auf die erzählung hingewiesen worden; vgl. Baesecke aao. s. XC f und ausg. s. 07 und 70.

1 es sei hier darauf aufmerksam gemacht, dass auch in Boccaccios De genealogia Deorum (ed. Jac. Micyllus 1502, 1. XIII c. 65 s. 346 f) die geschiente von Kephalos und Prokris in einer art contamination ge- boten wird: Boccaccio nennt mehrere gewährsmänner, darunter Ovid. diese kommt für uns allerdings nicht in betracht, da sie von einer Versuchung des mannes durch die frau nichts weifs.

DIE QUELLE DES BORTEN 45

macht sich vielmehr auf die reise, um den gatten zu suchen und widerzugewinnen.

Anderes findet sich bei Dietrich nur leicht verschoben, zt. ins mittelalterliche travestiert : Conrat begiht sich nicht auf die jagd, sondern zu einem turnier; den kostbaren besitz der frau bilden nicht huud und jagd spie l's, sondern zwei Windspiele, ein habicht, ein streitross und der wunderbare gürtel.

Schliel'slich hat der deutsche dichter auch vieles was in seiner quelle mit kurzen, trockenen sätzen erzählt wird, bedeutend erweitert, und gerade bei solchen erweiterungen kommt seine poetische begabung vorteilhaft zur geltung. man vergleiche zb. die scene im garten, B. 133 378, mit A. 124, ca. 4 10 und H. 120,10 12 oder die Schilderung der jagd (und des sich anschliefsenden turniers) , B. 555 704, mit A. 125,12 und H. 120,21.

Auf die noch bleibende frage, ob Dietrich direct aus der erschlossenen quelle X geschöpft hat oder ob eine Zwischenstufe (Y) anzunehmen ist, kann keine bestimmte antwort gegeben werden, war X lateinisch, so ist eine directe übernähme durch den dichter nicht ausgeschlossen ; denn dieser verfügte offenbar über einige lateinische keuntnisse, wie das v. 701 aus reimnot gebrauchte sors (: ors) zeigt, war X französisch, so hätten wir keinen anhaltspunct, um eine unmittelbare abhängigkeit Dietrichs in erwägung zu ziehen, denn die vom dichter gebrauchten fran- zösischen oder halbfranzösischen fremdwörter (zb. lankenir 607. 6G7. 669, speddenir 648, spozzenir 651) beweisen nur, dass er im ritterlichen turnierwesen bescheid wüste. anderes deutet allerdings darauf hin, dass der alte sagenstoff auf dem umwege über Frankreich, wo er dann vielleicht schon ins ritterliche gewant worden wäre, nach Deutschland gelangt ist: vgl. ausg. s. 70 anm.

Doch das sind nur Vermutungen, was unsrer erkenntnis zugänglich erscheint, fasse ich noch einmal in folgendem Stamm- baum zusammen:

Anton. Lib. Hygin

Borte, vielleicht gelingt es einem glücklicheren linder, etwas mehr über

16 MEYER, DIE QUELLE DES BORTEN

die Wanderung der antiken i'abel nach Schlesien zu erkunden,

die aussiebten sind allerdings gering.

NA( 11 IT» AG ZUR AUSGABE: s. 53 sind z. 1 u. 2 zu streichen.

EU s. 69 anm. 1 : das gedieht spricht bis v. 884. zu s. 70 ohen: Punzingcr hat auch der erzühlung die Überschrift 'Der Borte' gegeben (ygl. v. 1. 885). zu s. 107, v. 76<i: statt Semikolon ist hinter ver- miden ein komma zu setzen (v. 7<>7 ä-6 xoivoü). s. 114 f., anm. zu v. 48 ff: parallelen bei R Köhler, Kl. sehr. II 348 ff. g

Nachträglich entdeckte druckfehler : s. 14, z. 13 lis : vtagenv. 469.

s 58 mitte lis: si statten sich mit eorn. s. 61 mitte lis: gevdren durch mdnic rieh. s. 66 mitte lis: im Borten v. 883. s. 70 z. 2 v.u. lis: v. 471 ff. s. 77 mitte lis: umlaut- und diphthongzeichen.

s. 102, v. 629 lis: briten. s. 106, v. 723: komma hinter vergeben.

s. 109 z. 4 v. u. füge hinzu hinter 809: Allen ctcii willen: A. 810.

s. 114, z. 18 v. u. lis: habich; z. 4 v. u. lis: Wiener Oswald.

Königsberg i. Pr. Otto Richard Meyer.

ZUM TEXT DER WARNUNG. Das bairisch- österreichische

gedieht, das der ersten hälfte des 13 jh.s angehört, zeigt be- merkenswert correcte reime: unter 1966 paaren der ausgäbe von LWeber (München 1912) sind unrein nur sestunt : Jcutnt 3221 f und das archaische sundasre ; gewäre 3807 f; denn 1807f ist selbstverständlich mit Steinmeyer klage : enwage zu lesen, und die reime lieht : siht 1841 f; gar : war 2337 f, stat : rät 3673 f erregen bei einem Österreich, dichter sowenig anstofs wie e : e vor muta. höchst auffällig aber wären gerade hier die beiden bindungen grin : hin 1677f, sin : gewin 2095 f, die der neue herausgebet' (als -ein : -in) unangefochten lässt. das gedieht hat 30 rpp. in : in (darunter 24 mal schin : sin) und 18 in : in (12 mal gewin1 : hin); die beiden widerstrebenden müssen verderbt sein, wie Haupt schon erkannte: er schlug für 2095 vor da von gesöheiden hin vielleicht kann man das überlieferte da mit beibehalten: 1677 schrieb er grin, nahm also zu grinen einen /-stamm mit Schwundstufe an (wie schrit, biz, snit) möglich, aber anderwärts bezeugt ist nur grin, ich zieh es daher vor 1678 zu schreiben: ieglicher ziuht duz guot in. es ist immerhin bemerkenswert, dass dein Schreiber gerade bei den in- und in- reimen widerholt entgleisungen passieren: 919 schreibt erschein für sin, 1449 umgekehrt sin für schein.

Mit dem neuen herausgeber in eine weitere discussion über die textform einzutreten, wäre zwecklos: es ist mir auch bei einer zweiten lesung nicht gelungen festzustellen, was er mit seinem abdruck hat vorstellen wollen, aber da es eben der räum gestattet, will ich wenigstens für ein paar stellen welche bisher

1 3636 hab ich dies reimwort ergänzt.

SCHRÖDER, ZUM TEXT DER WARNUNG 47

von den fünf oder sechs kritikern der Warnung nicht beanstandet zu sein scheinen, meine vorschlage und Zweifel vorbringen: v. 8 1. friuntsch a f t und hütme HO der tot kund (<o*.s) vil bereit 239 tue noch stowten schin ist keinesfalls ein vers, vielleicht tages lieht noch sunnen schtn? 852 1. als einen unten bctcl- sac (st. bettesac) 1153 swer (so) hat ein übel wip 3128 nikt enphlige 3407 niht cnist 34 25 im diu menscheit ge '.mit 3748 da von die sele werdent vlorn (st. selben). E. S.

MEISTER REUAUSZ. Unter dem willkürlich geänderten titol 'Meister Renn aus' hat der junge Schönbach in JMWaguers Archiv f. d. gesch. dtscher spräche u. dichtg I (1874) s. 13 37 (vgl. s. 95 f) aus der Wiener Teichnerhs. 2880 (Hoffinann vF. nr LXXVIII s. 159 f) ein ironisches lehrgedicht der zeit um 1400 veröffentlicht, in welchem ein mephistophelischer 'meister Reuaufs' als seine salben die sieben todsünden ausbietet: hoffart (v. 7 ff), (jeitikeit (105 fl), wnkeusch 1 157 ff), eorn (245 ff), freßiJceit (323 ff), haß und neid (407 ff), an gottes dinst trakheit (523 ff), dass die änderung des titelnamens verkehrt war. wird Schönbach wol bald selbst eingesehen haben, jedenfalls sag ich denen die das gedieht kennen damit nichts neues, aber es lohnt doch wol darauf hin- zuweisen, dass dieser 'meister Reuaufs1 nichts anderes ist als der leicht verkleidete ausschreier oder quacksalber Rubinus des Jüngern osterspiels, der diese seine herkunft gleich in den ersten zeilen verkündet:

Hort (<>) lieben alle gleich :

Ich bin ein meinster kunsten reich

Und heiß meinster Reuauß,

Alle lant ge ich miß

Nach diser österlichen zeit.

Guti salb in meinem büschlein (d. i. büchslein) leit . zur bestätigung ergreift dann am schluss, geradezu mit einer scenischen bemerkung eingeführt, der knecht das wort:

Me in st er Reua 1c n echt sp r i cht:

Lieben leide, merkt mich auch recht,

Ich bin meinster Reuauß knecht

Und heiß teufel Last e rp a 1 k. es mag genügen für die rolle des Rubinus und des knechtes auf das Innsbrucker osterspiel bei Mone Altteutsche Schauspiele -s. 123 ff (Rubin, Pusterpalk und Lasterpalk), auf das III Er- lauer spiel (Kummer s. 38 ff: Rubin u. Pusterpalk), das IV Er- lauer spiel v. 90 (Lasterpalk), auf die Wiener Rubinus-rolle FMenciks (Zs. 51, 263 ff) und Sterzinger spiele nrlV (Zingerle I 47 ff: Ruhein u Pusterpalkh. hinzuweisen; der teufel Lasterpalk erscheint aufserdem in dem grofsen Neidhartspiel Fnsp. nr 53 (Keller I 443). Dass der Verfasser nicht nur die figur, son- dern auch den namen der meister Reuauß di. Riuw(e)uz ! aus

48 SCHRÖDER, MEISTER REUAUSZ

dem Rulin(ns) travestiert hat, unterlagt wol keinem zweifei; nur kann man freilich nicht wissen, ob er dabei Rub[in~]us resp. i?«»[i')j]«s um die mittelsilbe verkürzte, oder aber zu Bubin, Rwein, das er zu Rinive-in ! verdrehen mochte, sein Riuwe-üz ! bildete. E. S.

SPRICHWORT, das i ist bis heute unerklärt: wäre das wort so zu deuten wie es in der regel geschieht, dann müste es 'sprcclncort' lauten, so gut wie Scheltwort, neben dem kein 'schilt- wortf bezeugt ist. man beruft sich freilich seit Wackernagel auf ein stf. oder stn. spriche, wofür (Mhd. wb. II 2, 534) der Wind- berger psalter 113,22 (ed. Graff s. 540) angeführt wird, aber diese form steht ganz aufserhalb der lautlichen und morpholo- gischen Wahrscheinlichkeit: man könnte, da es sich doch nur um einen jö- resp. ja-stamm handeln kann, allenfalls ein 'spricke' erwarten, sieht man sich aber die einzige belegsteile näher an, so erweckt sie den argwöhn verderbt zu sein: benedico, daz ist ein zesamene gesazeetez wort uon zuein 'sprichen': ivole unde ich spriche. ich vermute, dass hier sprichen eingeschlüpft ist für Worten, durch einen psychologischen Vorgang, der zwar com- pliciert aber wol verständlich ist: wort worten verleitete zur differenzieruug, und in diesem moment bot sich sprichen durch antieipation aus dem folgenden von selbst, mit dem subst. 'spriche' als erstem compositionsteil ist es jedenfalls nichts; verbal- stamm kann es auch nicht sein es bleibt nichts übrig als der imperativ sprich !

Sprichwort kommt nicht früher als im anfang des 13 jh.s vor, wo es gleichzeitig im Tristan und in der Klage, demnächst beim Winsbecken und H. v. d. Türlin erscheint und sich dann langsam verbreitet aber noch Freidank scheint es nicht zu kennen, vgl. Schulze Zs. 8, 376 ff., bes. 378. es steht also nichts im wege, darin eine junge bildung, einen substantivisch verwendeten befehlsausdruck zu erblicken, wie etwa unser 'Lebewohl', 'Will- kommen' oder schon weit früher substantivierte grufsformeln wie 'vale', 'benedicite' (vgl. etwa Ysengrimus 5, 451 Bat commune uale, nondum benedicite doctus). es mag eine zeit gegeben haben, wo man zur einleitung einer sentenz sich der festen formel sprich wort: ('loquere verbunr) bediente, und aus deren erstarrung könnte um 1200 das substantivum sprichivort entstanden sein, das ist eine kecke Vermutung wer sie Avidei'legen kann oder etwas besseres zu bieten weifs, möge nicht damit zurückhalten. E. 8.

EIN GESETZ DER BEDEUTUNGSENTWICKLUNG.

Die frage nach der gesetzmäfsigkeit des bedeutungswandels darf wol als das wichtigste der problemc bezeichnet werden, mit denen die Sprachwissenschaft gegenwartig kämpft, gelänge es, sie endgültig zu beantworten, so wäre damit aus dem system unserer Wissenschaft ein hindernis beseitigt, das es uns bis heute verwehrt, die letzten reste von dilettantismus abzuschütteln, die der linguistik aus den zeiten ihrer entstehung noch anhaften. auf keinem anderen gebiete gestattet sich der geschulte Sprach- forscher gedankengänge und annahmen von so offenkundiger willkürlichkeit, wie auf dem der bedeutungslehre. wählend man bei der kleinsten annähme einer lautlichen Veränderung aufs gewissenhafteste nachprüft, ob sie nach ort, zeit und phonetischer natur wahrscheinlich sei, werden die verwickeltsten bedeutungs- übergänge einfach 'angesetzt', ohne dass die notwendigkeit einer beweisführung den Urhebern solcher hypothesen und es be- linden sich darunter forscher von unangefochtener gediegenheit auch nur im entferntesten zum bewustsein käme, so kommt es dass eine ganze grofse disciplin der Sprachforschung, die ety- mologie, in beziig auf die methode auf einem standpunct stehn geblieben ist den die schwesterdisciplinen längst überwunden haben, damit hängt aber aufs engste zusammen, dass die er- forschung der culturellen seite des sprachlebens, deren wichtigstes hilfsmittel eben die etymologie ist, durch methodische fehler be- einträchtigt wird, die der etymologischen forschung infolge der auf semasiologischem gebiet herschenden willkür und Unsicherheit anhaften.

Es ist gerade der relativ hohe standpunct den die historische lautlehre erreicht hat, der einem dieses misverhältnis klar zum bewustsein bringt, seit hundert jähren ist ja die phonetische seite der etymologie durch den begriff des lautgesetzes be- herscht, durch die erkenntnis, dass sich lautliche Veränderungen nach bestimmten regeln vollziehen, die selbstverständlich berück- sichtigt werden müssen, wenn man zu einwandfreien oder auch nur discutablen forschungsergebnissen gelangen will, wie dringend nötig es ist, ähnliche gesetze auch für die bedeutungsentwicklung aufzustellen, ist schon längst zahlreichen forschem klar, und

/.. F. D. A. LIX. >'. F. XLV1I. 4

50 SPERBER

viele arbeiten bezeichnen sich direct als einen beilrag zur er- forschung dieser gesetze des bedeutungswandels. aber es ist anscheinend noch nicht gelungen, zu klaren Vorstellungen über die art dieser gesetze zu gelangen, geschweige denn solche zu formulieren.

Ich wage diese behauptung, obwol ich weifs, dass versuche zu einer solchen formulicrung der bedeutuugsgesetze gemacht worden sind, und dass zb. in einem grundlegenden werk wie Wundts Völkerpsychologie ein eigenes capitel von den gesetzen des bedcutungsübergangs handelt, was nämlich dort zu rinden ist, gibt dem Sprachforscher auch nicht im entferntesten die lösung des problems, die seinen methodischen bedürfnissen an- gepasst ist. 'Als gesetz des bedeutungswandels' schreibt Wundt 'lassen sich hiernach im sinne der psychologischen Interpretation nur die allgemeinen associationsgesetze selbst bezeichnen, diese aber führen auf drei elementarprocesse zurück, aus denen im allgemeinen jeder concrete associationsvorgang zusammengesetzt ist: die gleichheitsverbindung, die räumlich-zeitliche Verbindung und die Verdrängung unvereinbarer demente', versucht man an diesem 'gesetz des bedeutungswandels' die Wahrscheinlichkeit irgendeiner etymologischen hypothese nachzuprüfen, so kommt man unfehlbar zu dem resultat, dass auch die kühnste hypothese als möglich zu gelten hat. wollte ich zum beispiel behaupten, dass ein wort für 'äuge' ursprünglich 'nase' bedeutet habe, so wäre gegen eine solche hypothese, die sich ja auf die möglich- keit einer 'räumlich-zeitlichen berührungsassociation' berufen kann, vom standpunct Wundts aus nicht das geringste einzuwenden, und doch fühlt nicht nur jeder Sprachforscher, sondern wol auch jeder laie, dass es sich hier um einen bedcutungsübergang handelt, der alle merkmale der unwahrscheinlichkeit an sich trägt, wie immer also der psychologe sich zu Wundts ausführungen stellen mag, die Sprachwissenschaft muss es ablehnen, sich damit zu- friedenzugeben, denn es muss festgehalten werden, dass die gesetze des bedeutungsüberganges, nach denen wir suchen, ein hilfsmittel darstellen sollen, das uns bei der bcurteilung des etymologischen einzelproblems zwischen wahr und falsch, zwischen möglich und unwahrscheinlich unterscheiden lehrt, genau so wie die lautgesetze ein wichtiges kriterium bei der beurteilung neuer

EIN GESETZ DER BKDEUTTJNGSENTWICKLUNG 51

hypothesen auch für denjenigen darstellen, der aas irgendeinem gründe ihre ausnahmslosigkeit in zweifel zieht.

Vielleicht aber ist es gerade die ait dieser Lautgesetze, die uns bisher bei der erforschung der gesetze des bedeutungsüber-

gangs gehindert hat. unwillkürlich hat man nach regeln gesucht, die für den bedeuhingsübergang ganz analoges aussagen sollten, wie für den phonetischen wandel die Lautgesetze, die sich ja alle auf die forcnel zurückführen lassen: wenn der laut x in Einern worte zu einer bestimmten zeit in y übergeht, so dürfen wir erwarten, dass er auch in allen anderen Wörtern, wo er eine analoge stelle einnimmt, zu y wird, man versuchte nun, ähnlicht' gesetze für den bedeutungsübergang zu finden, indem man zh. alle worte sammelte, die eine spräche oder Sprachgruppe für einen bestimmten begriff verwendete, und nun untersuchte, welche älteren bedeutungen die verschiedenen ausdrücke besessen1 hatten, in der hoffnung, so feststellen zn können, dass bestimmte be- dentnngen, wenn nicht gesetzmäfsig, so doch mit einer gewissen regelmäfsigkeit in bestimmte andere übergiengen. oder man versuchte umgekehrt festzustellen, nach welcher richtung hin eine solche gruppe von worten für einen und denselben begriff' die bedeutungen seeundär verschoben hatte, tatsächlich lässt sieh auf diese weise oft ein paiallelismus in der entwicklung verschiedener worte feststellen, der zu der hoffnung zu berech- tigen scheint, man könne auf diesem wege bei vollständiger Sammlung des materials früher oder später zu würklichen ge- setzen des bedeutungswandels gelangen, so hab ich seinerzeit nachzuweisen versucht, dass die deutschen ausdrücke für den geschlechtsact bedeutungsentwicklungen aufweisen, die sich so typisch widerholen, dass man geradezu einen bei den verschie- densten worten mehr oder weniger vollständig ausgebildeten Stammbaum der seeundärbedeutungen aufstellen kann1. aber trotz der bekräftigung die dieser stammbamm nachtraglich da- durch erfahren hat, dass Spitzer 2 parallelen dazu aus dem ro- manischen und zum teil auch aus dorn slavischen beigebracht hat, hin ich doch heute der Überzeugung, dass derartige versuche niemals zu einem befriedigenden resultat führen werden, ich habe nämlich seither einsehen gelernt, dass bei der bedeutungs-

1 Imago 1,405 ff.

- Wörter und Sachen 5, 206 ff.

53 SPERBER

entwicklung ein factor eine rolle spielt, den ich damals ebenso wie alle anderen Verfasser derartiger arbeiten fast ganz anfser acht gelassen hatte, es können nämlich worte für ein und denselben begriff ganz verschiedene bedeu- tungs e n tw i cklungen durchmachen, je nachdem sie einen grösseren oder geringeren äff ectgehalt be- sitzen, man darf absolut nicht erwarten, dass zb. die beiden Wörter werfen und schmeifsen jemals in bezug auf ihre fähigkeit, neue bedeutungen zu entwickeln, gleichwertig sein werden, das eine ist sozusagen ein normalwort, das den auszudrückenden begriff in objectiver weise widergibt, das andere ein ausdruck, der in hohem grade geeignet ist, neben der begrifflichen com- ponente auch noch eine affectmäfsige zur geltung zu bringen, gerade eine solche affectbetontheit ist aber, wie ich in meiner arbeit 'TJeber den affect als Ursache der Sprachveränderung' (Halle 1914) gezeigt habe, eine wichtige Vorbedingung dafür dass ein wort die grenzen seiner ursprünglichen bedeutung verlässt und eine neue annimmt, während also, normale Verhältnisse voraus- gesetzt, ein wort wie schmeifsen eine weitaus reichere bedeutungs- entwicklung erfahren muss, als sein farbloseres synonym, sind umgekehrt auch umstände denkbar, unter denen das weniger affectbetonte wort bessere aussichten zu semasiologischer ent- faltung besitzt, dies ist der fall, wo durch irgendwelche rück- sichten gesellschaftlicher, religiöser oder ethischer natur jene kräfte in die Sprachentwicklung eingreifen, die ich in der eben citierten arbeit als 'censur' bezeichnet habe, in zeiten deren cultureller habitus dem freien ausdruck der gefühle starke hinder- im.se in den weg legt, können normalworte auf dem wege des euphemismus und verwanter sprachpsychologischer erscheinungen zu einer bedeutungsentwicklung kommen, die der gleichzeitigen entwicklung der entsprechenden kraftausdrücke überlegen ist. aber kaum zu irgendeiner zeit wird zwischen den einander widerstreitenden triebkräften des sprachlebens ein so vollkommenes gleichgewicht herschen, dass Wörter vom typus xverfen und solche vom typus schmeifsen ganz die gleichen möglichkeiten zur ent- wicklung neuer bedeutungen haben, angesichts dieser erwägungen muss jeder versuch, durch parallelensammlungen der oben an- gedeuteten art gesetze zu entwickeln, von vornherein als aus- sichtslos bezeichnet werden, ein bedeutungsgesetz vom typus:

EIN GESETZ DER BEDEUTUNGSEXT WICKLUNG 53

'wenn zu einer bestimmtes zeit das wort A die bedeutung B entwickelt, müssen auch die synonyma von A ähnliche bedeu- tungsübergiinge durchmachen', wird es nie geben.

Anderseits aber dürfen uns die bisherigen miserfolge nicht dazu veranlassen, die suche nach den gesctzen der bedeutungs- entwicklung aufzugeben oder gar, wie dies zb. Nyrop l und de Saussure - zu tun scheinen, die existenz solcher gcsetze überhaupt in zweifei zu ziehen, anzuerkennen dass sich im sprachleben irgend etwas regellos und rein zufällig vollziehe, wäre dasselbe, wie unsere Wissenschaft auszuschalten aus dem kreis jener disciplinen, für die der satz von der gesetzmäfsigkeit alles ge- scheheus nicht nur ein axiom, sondern auch eine unerschöpf- liche quelle neuer erkenntuisse geworden ist. und zu einer solchen rcsiguation ist umso weniger anlass vorhanden, als gerade auf sprachlichem gebiet die feststellung der lautgesetze einen erfolg in dieser richtung bedeutet, um den die meisten anderen geisteswissenschaftcn die linguistik beneiden müssen.

Der weg nun auf dem wir, wie ich meine, zum ziel ge- langen können, ist derselbe den Wundt eingeschlagen, aber nicht mit der nötigen folgerichtigkeit fortgesetzt hat. es ist die von ihm befürwortete 'psychologische Interpretation' des bedeutungs- wandels, die klarlegung der ihn beherschenden psychischen fac- toren, die hier meiner Überzeugung nach einzig und allein weiter- helfen kann, erst wenn wir über die Ursachen des bedeu- tungswandels im reinen sind, können wir daran denken, festzu- stellen, nach welchen gesetzen diese Ursachen würken. gerade in dieser frage nun können wir heute klarer sehen, als noch vor einigen jähren, es ist widerum nur die starke Unterschätzung3 der rolle die der affect im sprachleben spielt, die die bedeutungs-

1 Gramniaire historique de la langue franeaise IV § 112.

2 Cours de linguistique generale s. 135.

3 Von verschiedenen Seiten ist mir vorgeworfen worden, dass im gegenteil ich die rolle des affects im sprachleben ganz außerordentlich überschätze, ich kann dieser behauptung solange kein gewicht bei- messen, als nicht irgend einer meiner schriftlichen und mündlichen kritiker meiner aufforderung nachgekommen ist, wenigstens ein beispiel namhaft zu machen, in dem (abgesehen von den von mir ausdrücklich umschriebenen sonderfallen) in jüngerer, der sprachgescbichtlichen forschung zugänglicher zeit ein bedeutungsübergang stattgefunden hat. bei dem sich nicht das würken affectischer factoren nachweisen liefse.

.4 SPERBER

lehre am fortschreiten zu entscheidenden erfolgen gehindert hat, da sie es viel mehr mit den ausgedrückten Vorstellungen, als mit den daran haftenden gefühls tönen zu tun zu haben meinte, man operierte bei der darstellung von bedeutungsüber- gängen und bei den versuchen solche zu erklären mit haupt- vorstelluugen die zu nebenvorstellungeu herabsanken, mit neben- merkmalen die zu dominierenden wurden, ohne sich je vor äugen zu halten, dass Vorstellungen an sich keine energieen sind, die selbsttätig sprachliche Veränderungen hervorrufen können, solche energieen aber wohnen ohne zweifei den gefühlstönen inne welche an den vorstelligen haften, und wenn wir über die natur des bedeutungswandels genaueres erfahren wollen, müssen wir uns natürlich an diejenige seite der seelischen Vorgänge halten, in der die lebendigen triebkräfte des Seelenlebens zuhause sind, also nicht an die weit des logischen denkens, sondern an die der strebungen, gefühle und affecte.

Machen wir uns also zunächst an einem bei spiel klar, wie die gefühlsbetontheit einer Vorstellung zu einer bedeutungsver- Bcbiebung führen kann, für den begriff der ungestörten eintracht hat das deutsche vermutlich jederzeit irgendwelche sprachlichen ausdrucksmöglichkeiten besessen, eines tages kommt nun ein musikalisch gebildeter mann und gebraucht dafür den ausdruck Harmonie, nicht etwa weil es ihm an möglichkeiten fehlte, den auszudrückenden begriff mit den hergebrachten mittein vollkommen klar und logisch einwandfrei zu bezeichnen, sondern weil er den wünsch oder drang verspürt, von der für ihn gefühlsbetonten Vorstellung des musikalischen einklangs auch dort zu sprechen wo dazu objeetiv genommen kein nnlass vorligt. nun ist aber unser sprachneuerer keineswegs der einzige für den der begriff des musikalischen zusammenklangs eine erfreuliche affeetbetont- heit besitzt; unter seinen zeit- und Volksgenossen gibt es auch viele andere, die es einem wort als vorzug anrechnen, wenn es neben seiner fähigkeit, den begriff der eintracht zum ausdruck zu bringen, auch noch einem affect zum ventil dient, der, wie es ja eine grundlegende eigenschaft des affects ist, nach körper- licher, in unserem falle sprachlicher auslösung strebt, die neue- rung wird also nachgeahmt und kann allmählich so weite Ver- breitung finden, dass sie zum normalausdruck für den begriff eintracht wird, die älteren worte dafür verdrängt und schliefslich

EIN GESETZ DEK BEDEUTIJNGSENT WICKLUNG 65

in ein Stadium tritt, wo das wort Harmonie zu seiner ursprüng- lichen bedeutung eine neue nicht mehr occasionelle, sondern usuelle hinzuerworben hat.

Nun müssen wir uns aber klar machen, dass ein solcher aft'ect niemals an einer scharf umgrenzten ei nzelvor Stellung haftet, sondern dass er sich auf ganze vorstellungs comp lex e erstreckt, wer sich dazu gedrängt fühlt, statt Eintracht : Harmonie zu sagen, in dessen Seelenleben spielt aller Wahrscheinlichkeit nach die musik eine so beträchtliche rolle, dass er auch in anderen fällen gern die gelegenheit benützen wird, seiner spräche einen musikalischen anstrich zu geben, indem er entweder selbst weitere sprachliche neuerungen schafft, die durch ihren Zusammenhang mit dem vor- stellungskreise der musik affeetbetont sind, oder wenigstens eifrig aufgreift, was andere an solchen neuerungen geschaffen haben, es wird uns also nicht wundern, wenn zb. ein solcher mensch irgendwie teilnimmt an der bedeutungsänderung von ausdrücken wie : Stimmung, Tuet, mit jemand andere Saiten aufziehen, zart besaitet, jemand nach Noten prügeln, seine Ansprüche herabstimmen, Gefühls- oder Farbentöne, die erste Geige spielen usw. und das gleiche was vom einzelindividuum gilt, ist natürlich auch von der ganzen Sprachgemeinschaft vorauszusetzen, ist irgendwo das Interesse eines Volkes für die musik so grofs, dass würklich eine neubedeutung wie Harmonie = Eintracht zum allgemeingut werden kann, so erscheint es überaus unwahrscheinlich, dass der begriffscomplex der musik seine sprachliche würksamkeit in dieser einen bedeutungsverschiebung erschöpfen könnte, es ist vielmehr mit Sicherheit vorauszusetzen, dass der affect der diese eine neuerung schafft und ihr zum durchbrach verhilft, zur selben zeit sich auch andere sprachliche ventile suchen wird, es wird in die gemeinsprache eine ganze reihe von neubedeutungen hineinkommen, die alle centrifugal von einem ursprünglich eng begrenzten aber affectstarken Ursprungsgebiet, in diesem fall dem vorstellungscomplex der musik ausgehn. es ist also, wie ich glaube, für das sprachleben des einzelnen wie der gesamtheit folgendes gesetz aufzustellen : wenn zu einer bestimmten zeit ein vorstellungscomplex so stark affeet- betont ist, dass er ein wort aus den grenzen seiner ursprünglichen bedeutuug hinaustreibt und es veranlasst, eine neue bedeutung anzu-

56 SPERBER

nehmen, so ist mit b c s t i m m t h e i t zu erwarten, d a s s derselbe vorstellungscomplex auch andere ihm angehörige ausdrücke zur Überschreitung i h r er vorwendungssphäve und damit zur ent- w \ e k 1 u n g neuer bedeutungen treiben wird *. und t.\\ ar möcht ich die gültigkeit dieses gesetzes mit gröfserer be- stimmtheii für die Sprachgemeinschaft als für den einzelnen be- haupten, denn es ist immerhin denkbar, dass durch irgend eine verquickung besonderer umstände bei einem einzelmenschen eine Vorstellung nur ganz vorübergehend die nötige affectstärke be- sitzt, um eine sprachneueruug hervorzurufen, während dieselbe Vorstellung im augenblick nachher bereits verklungen sein kann, um nie mehr wider vollkommen actuell zu werden, in diesem, wie gesagt, vielleicht denkbaren, aber keineswegs wahrscheinlichen fall könnte es ausnahmsweise bei dieser einen neuerung sein bewenden haben, aber je gröfser eine Sprachgemeinschaft ist, umso unwahrscheinlicher wird ein solcher fall, man vergegen- wärtige sich, welche ausserordentliche menge von interesse an einer Vorstellung haften muss, ehe die von ihr ausgehnde neue- rung so oft nachgesprochen worden ist, dass sie würklich zum gemeingut geworden ist. tausende und abertausende müssen sich vorher entschlossen haben, die neue bedeutung zu aeeeptieren, und eine solche einmütigkeit der sprachlichen strebungen ist natürlich nur dort möglich, wo der würksame vorstellungscomplex a n d a u e r n d träger eines sprachschöpferischen affectes, nicht etwa nur einer einbagsactualität ist. wo aber ganze Völker ein ge- steigertes ausdrucksbedürfnis für den gleichen vorstellnngskreis an den tag legen, da müssen selbstverständlich an vielen orten zugleich neuerangen auftreten die in diesem vorstellungskreis wurzeln, und ebenso selbstverständlich muss wenigstens eine an- zahl dieser neuerangen von der Sprachgemeinschaft als erwünscht empfunden und dem allgemeinen Wortschatz einverleibt werden.

1 ich stell also iai schärfsten gegensatz zu F. de Saussure, der aao. s. 135 äußert: 'si le francais poutre 'jument*, ä pris le sens de 'piece de hois, solive', cela est du ä des causes particulieres et ne dt'pend pas des autres changements qui ont pu se produire dans le nv nie temps : ce n'est qu'un aeeident parmi tous ceux qu'enregistre l'histoire drune langue'. man wird diese ansieht selten so scharf for- muliert finden, wie bei de Saussure, die herkömmliche etymologische und semasiologische praxis beweist aber, dass sie weit verbreitet ist.

EIN GESETZ DER BEDEUT UNGSENTWK !K LüffG 57

Die folgerang die die etymologische Forschung aus den dargelegten Verhältnissen zu ziehen hat, ist meiner ansieht nach die, dass unsere art, angenommene bedeutungsühergänge durch parallelen zu stützen, dem tatsächlichen mechauismus der sprach- lichen Vorgänge nur wenig angepasst ist. wer zb. festzustellen hätte, woher das französische artiwr kommt, der würde nach den jetzt gebräuchlichen methoden die ableitung von ripa da- durch zu stützen suchen, dass er aus allen möglichen sprachen und Zeiten parallelen dafür beibringt, dass der begriff des landens in den des ankommens übergehn kann (das heilst, wenn er es überhaupt für nötig hält, den angenommenen bedcu- tungsübergang mit parallelen zu belegen, und nicht die beliebte methode vorzieht, ihn einfach 'anzunehmen'), weit wichtiger aber ist es in solchen fällen, sich zu fragen, ob der vorstellungs- complex der Schiffahrt im französischen zur kritischen zeit so actnell war oder sein konnte, dass die in betracht gezogene ab- leitung als wahrscheinlich gelten kann, und um das zu erweisen, müssen fälle von der art beigebracht werden die ich in früheren arbeiten als 'expansionsparallelen' bezeichnet habe, in unserem fall also belege dafür dass im französischen auch andere aus- drücke der schiffersprache die fäbigkeit hatten, ihr ursprüngliches bedeutungsgebiet auszudehnen. wenn ich es also auch bei arriv&r keineswegs überflüssig finden würde, auf deutsche fälle zu verweisen, wie: 'auf unserem ausfluge sind wir schliefslich im wirtshaus gelandet', so rnüste man doch unvergleichlich mehr wert auf solche parallelen legen, welche die expansionskraft des schiffahrtscomplexes für das französische, und zwar vor allem für jene periode des französischen erweisen, in der arriver seine neue bedeutuug angenommen haben dürfte (also zb. auf die bedeutungsentwicklung von bord, oborder, gouvemer).

Aber allerdings wird es wol noch langer arbeit bedürfen, ehe das oben aufgestellte gesetz der etymologie in vollem um- fange nutzbar gemacht werden kann, das wichtigste ist vorläufig nicht, mit hilfe dieses gesetzes in sprachliche perioden einzu- dringen die vor der litterarischen Überlieferung liegen, und somit überhaupt keine strenge nachprüf ung von bedeutungsgeschicht- lichen hypothesen ermöglichen, sondern durch Untersuchung historischer, durch eine reiche litteratur vertretener sprachstufen festzustellen, ob das erreichbare material das aufgestellte gesetz

SPEKBEE

erhärtet für mein teil kann ich gegenwärtig nur erklären, dass alles was ich in den letzten jähren an tatsachenraaterial sammeln konnte für die richtigkeit meines gesetzea spricht, seit ich vor 5 Jahren den Inhalt des hier vorgelegten aufsatzes in der sprach- vrissenschaftlichen gesellschal'i zu Uppsala vortrug, hab ich, so oft ich gelegenheit fand, mich mit einem bedeutungsgeschicht- lichen vorgange näher zu beschäftigen, mein augenmerk darauf gerichtet, ob sich der einzelne bedeutungsübergang in einen grösseren Zusammenhang der angedeuteten art einreihen lasse, und wo ich überhaupt etwas genaueres ausfindig machen konnte, liefs es sich mit leichtigkeit zeigen, dass der hinter dem be- deutungsübergang steckende complex auch nach anderen richtungen hin seine sprachliche produetivität bewährt hatte, hier nur einige andeutungen, die mit ausführlichem material zu belegen mir der räum verbietet, eine ganze anzahl von scheinbar nicht mitein- ander zusammenhängenden bedeutungsübergängen lässt sich zb. auf die Vorstellung der unio mystica und die verwanteu begriffs- complexe zurückführen, auf jene religiösen Vorstellungen, die eine nahe, geheimnisvolle Verbindung des menschen mit dem göttlichen prineip zum inhalt haben, man untersuche die bedeutungsent- wicklung von Einfluss, Eindruck, Einlcehr, einverleiben, Mitglied, sich versenken, gelassen, einbilden, in etwas aufgehn, einleuchten, Eigenschaft K bei jedem dieser worte wird man zurückgeführt werden auf irgendeine form oder abart der im mittelalterlichen glaubensieben so oft betonten Vorstellung, dass der glaubige Gott in sich trage oder versuchen müsse, ihn in sich aufzunehmen, in ihn einzudringen, wie er anderseits selbst nur ein glied der gottheit, ein teil ihres ich sei. und wie stark hat das deutsche rechtsleben des mittelalters durch die sprachliche expansion der ihm angehörigen vorstellungskreise die bedeutungsentwicklung des Wortschatzes beeinflusst! überzeugen, Sache, Ursache, be- urteilen, sich entschuldigen, verteidigen, Ding, beileibe, Verantwortung, rügen und zahllose andere worte lassen sich in ihrer bedeutungs- entwicklung concentrisch zu diesem gemeinsamen ausgangspunet kverfolgen. oder um einen etwas specielleren vorstellungs-

1 die nötigen ausfi'ihrungen zu den hier angeführten Worten und, wie ich hoffe, ein reichliches beweismaterial für meine these werde ich möglicherweise in nicht allzu ferner zeit in einem bedeutungsgeschicht- lichen Wörterbuch der deutschen spräche vorlegen können.

EIN GESETZ DER BEDEUTTJNGSENTWICKLUNG

eomplex heranzuziehen, dessen bedeutungsgeschichtliche rolle aller- dings eine ansftihrlichere auseinandersetzung erfordert (s.u. s. 61ff): die Vorstellung von der belagerung einer Btadt hat eine ganze reihe bedeutungsverschiebungen erzengt, die freilich zum grösten teil den Zusammenhang mit ihrem ansgangspanct bo gänzlich verloren haben, dass selbst der germanist es mir nicht ohne weiteres glauben wird, wenn ich behaupte, dass dieser ror- stellungscomplex nicht nur bei bestürmen, untergraben, Ausfall eine rolle gespielt hat, sondern ua. auch bei überhaupt, antreten, anbringen, Anlauf, Aufenthalt, aus dem Stegreif, und untersucht man gar den einfluss, den offenbar im Zusammenhang mit dem aufkommen einer neuen kriegskunst die technische spräche des heereslebens im 15 und 16 jh. ausgeübt hat, so ist man erstaunt, wie heterogene bedeutungen sich auf diesen ursprungscomplex zu- rückführen lassen, die moderne bedeutung des wortes Nachdruck wurzelt hier ebenso wie die von aufbringen, die von Vorteil ebenso wie die von Lärm oder wie die entwicklung des adjeetivs lose zum verbalprälix los.

Leicht ist es allerdings in der regel nicht, den exaeten beweis für eine solche bedeutungsgeschichtliche bewegung zu erbringen, da das in den Wörterbüchern gesammelte material für diesen zweck in den meisten fällen völlig unzureichend ist, so- dass nur umfangreiche eigene Sammlungen die nötigen grundlagen liefern können, und vor allem macht die zuverlässige deutung eines bedeutungsübergangs oft deshalb schwieligkeiten, weil es ganz unzulässig ist, als entscheidendes datum dasjenige des ältesten belcges anzuführen, es kann sehr gut sein, dass die neue bedeutung occasioncll dh. im munde einzelner oder eines beschränkten kreises schon längst vorhanden war, ehe irgend ein historisches ereignis, irgend eine culturelle Umwälzung ver- ursachten, dass ein ursprünglich nur für wenige gefühlsbetonter vorstellungscomplex nun auch für die gesamtheit oder einen wesentlichen teil der Sprachgenossenschaft von Wichtigkeit wurde und nun zur entwicklung einer neuen usuellen bedeutung fühlte, es kommt also häufig darauf an festzustellen, wann die anfäng- lich seltenen belege sich in auffällender weise zu häufen beginnen, und das kann bei der relativen spärlichkeit der älteren (pellen eine mühevolle und zeitraubende arbeit sein, unter allen um- ständen aber ist es wichtig, mit Zuverlässigkeit zu constatieren,

60 SPERBER

welch er complex der bedeutungeexpansion eines wortes zu- grunde ligt ; das ist oft keineswegs einfach, denn es wäre ein irrtum, wenn mau hiebei die etymologische Grundbedeutung eines wortes als vertrauenswürdigen zeugen betrachten wollte, nehmen wir zb. das wort (-erführen, so könnte man vielleicht noch erraten, dass seine grundbedeutung war: 'jemanden durch schlechte Führung an einen falschen ort bringen1, aber gewis wird niemand von vornherein durchschauen können, dass das wort im 16 jh. ganz vorwiegend dem religiösen begriffskreis angehört und von der verhängnisvollen tätigkeit des geistlichen hirten gebraucht wird, der seine herde, statt in den himmel, ins verderben führt, aber gerade als angehöriger des zur reformations- zeit so überaus lebendigen religiösen ge fühl s complex es hat das wort die expansion durchgemacht, die schliefslich die entwick- lung der modernen bedeutungen mit sich gebracht hat. und ähnlich ist es in zahllosen andern fällen, dazu kommt noch, dass oft ein wort mehreren complexen angehört, wie zb. über- zeugen, das ursprünglich ein rechtsausdruck war ('durch zeugen überführen'), seine moderne bedeutung aber auf dem umweg über eine religiöse phrase (sein Gewissen überzeugt ihn 'legt gegen ihn zeugnis ab') erlaugt haben dürfte, in solchen fällen ist es natürlich sehr schwer, den anteil der verschiedenen complexe an der bedeutungsentwicklung genau abzugrenzen.

Wenn also einerseits der weg der zur endgültigen bestäti- gung des oben aufgestellten gesetzes führen kann, nichts weniger als leicht und voll von möglichkeiten zum abirren ist, so darf anderseits behauptet werden, dass die feststellung eines solchen gesetzes wol die daran gewendete mühe lohnen wird, denn die würkung eines solchen erfolges wäre mit den folgen die er für die bedeutuugslehre haben könnte, noch keineswegs erschöpft, für mich steht es fest, dass genau dieselben complexe, die bedeutungsgeschichtliche Veränderungen hervorrufen, auch auf anderen gebieten der sprachent wicklung, dem der Wortbildung, der f 1 e x i o n und gewis auch der 1 a u t v e r ä n d e r u n g e n w ü r k 8 a m 8 i n d. starke affeetbetontheit eines wortes bedeutet nicht nur möglichkeit zu reicher bedeutungsentfaltung, sondern auch actualität. festes wurzeln im sprachbewustsein und damit

EIN GESETZ DER BEDEUTUNGSENTWICKLUNG <il

fäkigkeit, bei neubildungen, sie mögen nun in den bereicb der ableitung oder in den der llexion fallen, als muster zu dienen.

Zugleich aber bieten die Gedankengänge die uns zur auf- stellung unseres gesetzes geführt haben, eine handhabe, um die beziehnngen zwischen Bprachlicher und allgemein cultureller ent- wicklung .schärfer zu erfassen, als es bisher gelungen ist. ebenso wenig wie es denkbar ist, dass sich die würksamkeit eines affect- betonten vorstellungscomplexes in einer einzigen sprachlichen änderung erschöpfen könnte, ebenso unwahrscheinlich ist es, dass ein solcher vorstellungscomplex auf keinem anderen gebiet als auf sprachlichem seine umgestaltende würkung zur geltung bringen sollte, nimmt zb. der religiöse vorstcllungskreis zu irgend einer zeit solche formen an, dass ihm entstammende bedeutungsänderungen in der spräche eines ganzen volkes durch- dringen, so werden selbstverständlich auch andere wichtige lebens- äufserungen dieses volkes durch denselben complex umgebildet werden, das religiöse element wird in kunst und litteratur stark hervortreten, es werden neue kirchliche gebrauche entstehn, die rechtliche Stellung der kirche und ihrer Vertreter wird eine andere werden, kurz, der sprachliche Vorgang wird sich nur als glied einer allgemeinen culturellen entwicklung darstellen, deren treibende kräfte, widerum von einem bestimmten cenh'um aus- gehend, nach den verschiedensten Seiten hin ausstrahlen.

So darf ich mich wol der hoffnung hingeben, dass die hier aufgestellte theorie des bedeutungswandels für die verschiedensten gebiete der Sprachforschung und ihrer nachbarwissenschaften von bedeutung werden kann, ich möchte nun mit einer bitte an meine leser und kritiker schliefsen, sich bei der beurteilung des vor- gebrachten nicht mit allgemeinen ausdrücken der Zustimmung oder ablchnung zufrieden zu geben, sondern bei der beschaffung des zur endgültigen fixierung oder Widerlegung meines gesetzes nötigen tatsachenmaterials behülflich zu sein, es ist dies eine arbeit, die in ihrer vollen ausdehnung die kräfte eines einzelnen übersteigt und die nichtsdestoweniger geleistet werden muss.

ANHANG: AUS DEM GEBIET DER BELAGERUNGS- TECHNIK STAMMENDE AUSDRÜCKE.

Im folgenden sei in aller kürze dargelegt, was mich zu der behauptung veranlaßt, ausdrücke wie überhaupt, antreten,

62 SPERBER

Anlauf usw. seien in ihrer bedeutungsgeschichtlicheu entwicklung durch den vorstellungscomplex der belagerung beeinflusst. für die anderen im obigen aufsatz angeführten beispiele ausdrücke aus dem vorstellungskreis der niystik, der rechtssprache, der kriegskunst im allgemeinen muss ich den analogen beweis, sofern er überhaupt nötig ist, einem späteren zeitpunct vorbehalten. Das DAVB. gibt unter berufung auf die belege bei Lexer (I 134G und II 1627) an, dass überhaupt schon mhd. in der jetzt hergehenden Bedeutung 'summatim, generaliter' vor- komme, diese behauptung ist höchstens bedingt richtig, der würklicke Sachverhalt ist folgender:

mhd. über houbet tritt zunächst in einer bedeutung auf, die dem ursprünglichen wortsinn 'über das haupt, nach oben' noch sehr nahe steht; sie ligt vor in der sprichwörtlichen mahnung, nicht über houbet zu fechten, dh. mit einem gegner anzubinden, der einen höheren staudort einnimmt, sodass seine streiche mit doppelter wucht fallen, vergl.

Freid. 126, 31 vil dicke er schaden schouwet

der über sin houbet houwet. Winsb. 33, 3 Sun, hebe daz du getragen mäht, das dir ze sweere si, la ligen: swer gerne über houbet vaht der mohte deste wirs gesigen. Jer. 23 470 geluclce machit ubirmut: ubirmut ist ein ungut daz ubir houbet vichtit und alle dinc romichtit x , und weitere belege im Mhd. wb. I 719.

Scheinbar ohne Vermittlung und Übergang steht neben dieser gruppe von belegen eine zweite mit weniger concretem vor- stellungsinhalt, in der die von Wörterbüchern und glossaren ge- legentlich gegebene Übersetzung 'ganz, all', also die nhd. bedeu- tung, mehr oder weniger gut zu passen scheint, was mich hindert, an diese vorbehaltlose gleichsetzung von mhd. über houbet und seiner nhd. entsprechuug zu glauben, ist der umstand, dass das grofsteil der mir bekannten belege sich auf ein ganz be- stimmtes, im vergleich zur nhd. Verwendung des Wortes sehr enges begriffsgebiet bezieht, nämlich auf die Vorstellung von der eroberung einer bürg oder Stadt: Ottokar 8541 er fuor dahin algeriht und die lierren alle für die stat ze Halle, die gewan er über ho übt. (Seemüller: 'ganz', Lexer II, 1627 richtiger: 'im stürm'.)

1 etwaige orthographische ungenauigkeiten in den citaten erklären sich dadurch, dass mir ein teil der quellen hei der correctur nicht zugänglich war.

EIN GESETZ DER BEDEUTUNG SENT WICKLUNG 63

31219 daz er die Iure gewänne

i'i her ho üb et an den Ungern 312."tl er vüiest die burc gewinnen über ho übt und an ir dune (dh. im kämpf, nicht durch capitulation). weiter 56 032. 97320. Ulr. Alex. 23016 do tvas der stat striten kurz:

sie g e w n n n e v sie in ü b e r h oubt an. Heinr. vNeust.. Ap. 10546

Koch was alles Kemrott in dem hauß ::n Gabilot t. doch gewunnens im die frechen man ze lest über haupt (Singer: 'unversehens') an. Swsp. 31,6 er gewan Borne über ho üb et mit der Swaben helfe. Limb. Chron. 50,8 (sie) gewonnen daz huis binnen eitne halben

dage . . . unde daden daz mit rechter geioalt oberheupt. Jer. 4792 Hie lagin alliz restin e,

die alle er ouch do g e tv a n vbirhonbit den J'ru:in an. 14948 und stürmte di (bürg Heimsot) so lange ot daz er si u b i r h oubt g e w a n Justinger, Berner Chronik (hg. v. Studer, Bern 1871) s. 171

Do ward die Stadt Kidouw ü berhoupt g e w u n n e n und

riel Liiten erslagen.

44 und g ew rennen t den Hag überhoupt

(ähnlich s. 70, 99, 137; glossar : 'mit stürm').

UBGB (Fontes rer. Austr. II abt. 20, nr 447) das rnser h. der

konig von Vngern hat Tribun obir Jieupt gewonnen (17.

5. 1468)

nr 443 Zu hand ist nfgewesen der gross kczer mit der Wagenburg

und hiet sie (die feste Martinic) umlegt und an sieben enden

büchsen gelegt und hinein geschossen und ezlich erschossen und

überhattpt lassen stürmen (25. 4. 1468).

Es besteht demnach zwischen dem wort überhaupt und dem

vorstelluugskreis der belagerung im späteren mhd. und übrigens

auch im mittelniederländischen ein Verhältnis, das ich (nach

ANoreens Vorschlag) mit dem ausdruck consociation bezeichnen

möchte, zur erläuterung dieses für die theorie und praxis der

bedeutungsforschung wichtigen begriffs sei hier nur folgendes

gesagt, man findet häufig dass ein wort zu einer bestimmten

zeit, um die sache zunächst rein statistisch zu betrachten, mit

Vorliebe im Zusammenhang mit ausdrücken auftritt, die einem

bestimmten begriffscomplex, zb. wie hier dem der belagerung

angehören, die psj-chologische grundlage dieses Verhältnisses,

das sich bei genauer beobachtung überraschend oft nachweisen

lässt, kann aber unmöglich eine andere sein, als dass zwischen

64 SPERBER

dem betreffenden wort und dem betreffenden complex zu der zeit aus der die belege stammen, ein nahes associatives Verhältnis bestand, welches natürlich die bedeutung des wortes insofern beeinflusste, als es ihm einen ganz bestimmten 'nebensinn' verlieh; hierunter versteh ich mit Erdmann 'alle die begleit- und neben- vorstellungeu, die ein wort gewohnheitsmässig und unwillkürlich in uns auslöst' 1.

Auf unsere frage angewendet bedeutet das, dass mhd. über houbet, als eine art fachwort der belagerungstechnik, ein bedeu- tungselement enthielt welches dem nhd. überhaupt abgeht, näm- lich die associative beziehung auf den vorstellungskreis der be- lagerung. gerade von diesem element aus aber verstehn wir sowol den Zusammenhang mit der ursprünglichen bedeutung 'nach oben' als auch die spätere bedeutungsentwicklung. was zunächst den ersteren punet betrifft, so ist über houbet zu seiner Ver- wendung im begriffskreis der belagerung folgendermafsen gelangt: man kann eine bürg erobern, indem man die mauern zum ein- sturz bringt oder durch belagerungsbauten überhöht, aber man kann sich ihrer auch bemächtigen, indem man sie mit leitern und ähnlichen geraten ersteigt, in diesem fall freilich muss der angreifer "über houbet' fechten, er ist, solange er sich auf der leiter befindet, den von oben kommenden schlagen und Schüssen des gegners ausgesetzt, eine bürg 'über houbet gewinnen' be- deutet also eigentlich, sie ohne vorhergehnde Zerstörung der mauern und ohne anwendung von belagerungsmaschinen nach art der 'ebenhöhe' erobern, dieses verfahren ist zwar das ge- fährlichere, aber auch das bei weitem kürzere, und so ist es leicht verständlich, dass sich eben in dieser Verbindung eine reihe von nebenbedeutnngen wie 'ohne viel umstände zu machen, ohne langes zögern, gewaltsam' entwickeln konnte, bedeutungen die sicher in der mehrzahl jener fälle vorliegen, wo es den an- schein hat, als ob schon mhd. die nhd. bedeutung aufträte, zb. jung. Tit. 3224 Zazamanc und Atsagovch die beide

ertwing ich üb erhoubt als ich den sig genim uf

dirre heide 2915 sie weiten sunder borgen den paruch da zu Baldah

haben fanden

and über houbt gar von eren dringen.

few.sp. 70, 3 ein ieglich man mag wol phenden uf sinem guote, da

man im zins von git, ane rihters urlop. toere aber man im

daz phant, unde ist daz guot sin, er phendet ivol über houbet

mit rehte, unde ist der man niht sm, so sol er dem rüder

cJagen.

Kreuziger 6093 m were gar der selbe gewalt (die gerichtsbarkeit

über leben und tod)

1 Erdmaim Die bedeutung des wortes s. 82.

EIN GESETZ DER BEDEUTTJNGSENTWICKI/ÜNG 65

von den Römern ab geudt, >les 8t neren beroubet m it gcwaii h nd u her li o übet. V. ahrend in allen diesen Beispielen der Zusammenhang mit clm die Belagerung betreffenden belegen und die bedeutung 'unter anwendung von gewalt' deutlich ist, scheint allerdinge in einigen weiteren lallen eine starke und nicht ganz leicht zu definierende Verwischung der bedeutung eingetreten zu sein, BO wenn es im jung. Titurel heilst:

4572 Tschionalidandcr sprach mutes nnberoubet,

der ein und ouch der ander : 'ivir sullcn in alle helfen ('unter anspannung aller kräfte1?) oder [uberhoubet'. 1659 man sagt ez uberhoubet und was gar um dem wane, daz die laut beroubet teeren aller teer rnd ehr. sie une teer die feste heten niht ertwungen. ('man behauptete energisch' V) jedenfalls zeigen diese beispiele, dass schon früh eine starke ••xpansion der bedeutung im gange ist, die gelegentlich zu einer annäherung an die nhd. bedeutung führt, sie aber kaum jemals erreicht, denn selbst in einem fall wie Chron. II 260, 19

wann dann unser herren daz (erbeutete) vihe selber haben wolten. so gebe man in daz um ein beschaiden gelt über haupt zeigt der Zusammenhang, dass nicht so sehr die nhd. bedeutung als vielmehr der sinn 'ohne viel umstände (ohne beobachtung der im vorhergebenden mitgeteilten complicierten regeln für die teilung der beute)' vorligt , und noch im 16 jh. macht es ganz den eindruck, als sei der nebenbegriff der gewaltsamkeit, der anstrengung, noch nicht gänzlich geschwunden ; vgl. die im DWB. angeführten beispiele:

CSpangenberg Mansf. chron. 23b: hat ohne sonderlichen bei- stand und hülff die Homer dazumal nicht alleinc angegriffen, sondern auch überheupt geschlcüien. (1572) Tschudi Chron. helv. 2, 165 biss si hinuf keimend und den inenden mit gottes hilf gewedtiglich überhoupt oblagend. Luther, 31, 1, 69 (Weim.) (Gott straft nicht gern) er müsse es denn thuu und werde uberheubt dazu gezwungen und gedrungen. der expansionsprocess hat sich also recht laugsam vollzogen und fällt dadurch zeitlich wenigstens zum teil mit den bedeu- tungsübergängen zusammen die im folgenden behandelt werden. Verwandt mit der entwicklung von überhaupt sind die Vor- gänge, welche zur modernen bedeutung von aus dem Stegreif geführt haben, auf den ersten blick allerdings scheinen hier die Verhältnisse klar zu sein: wir begegnen im 15/16 jh. häutig der phrase sich aus dem Stegreif (vom Stegreif, siegreif sj nähren.

Z. F. D. A. ITX. X. P. XLVII. 5

66 SPERBER

iu der bedeatung 'als berittener Wegelagerer vom strafseuraub leben', hier ist also die beziehuug auf die ursprüngliche be- deutung des Wortes noch durchaus lebendig, vom 17 jh. an belegt dann das DWB. phrasen übertragener natur vom typus eine» Entschluss aus dein Stegreif fassen (dh. 'wie ein rechter, schnell entschlossener reitersmann tun soll' DWB. X 2, 1390). irgend ein einfluss des belagerungscomplexes auf die entwicklung des wortes ist aus der recht umfangreichen beispielsammlung des DWB. nicht ersichtlich.

Es fallt jedoch auf, dass sich zwischen die periode des ausgehnden mittelalters, in der der ausdruck seine culturhistori- sehen Voraussetzungen hat, und jene in der seine metaphorische Verwendung um sich zu greifen scheint, eine so grosse lücke ein- schieben soll, man fragt sich unwillkürlich, ob hier nicht irgend ein Zwischenglied fehlt, und tatsächlich lässt sich zeigen, dass die übertragene bedeutung schon im 15/16 jh. vorkommt, aber soviel ich sehe, nur in einer gruppe von phrasen: eine Stadt aus (vom, im) Stegreif stürmen (gewinnen), ich kenne folgende belege:

Ludwig vEyb Denkwürdigkeiten s. 123 ... auß dem steg- raif an den stürm trat, hart stürmet, den stürm gewun . . . und das sloss u-ider einnam.

Wilwolt vSchaumburg [vf. Ludwig vEyb] s. 35 wie Belitz .... aus dem Stegreif gewunnen.

Fuetrer Bayrische chronik (= Quellen und erört. z. bayr. u. dtschen gesch., n. f. II. 2) 212, 6 Als aber dieser edel fürste für zoch, gewan er es (das dorf) in dem stegraif und j)rant es zu grund aus.

Zeitgenössische berichte üb. die eroberung der st. Rom 1527 [= Materialien z. neueren gesch., hg. v. Droysen. lieft 2] s. 20 Sie wiMen eylends auß dem st egreyff yn Gottes namen under- stehen zustürmen.

Arnpeck Chroniken (= Qu. u. erört. z. bayr. u. dtschen gesch. n. f . III) 618,24 und gewan das gross dorf Nah mit ge- walt aus dem stegrayf.

Rcifsner Frundsberg 42b da hat der Marggraff ton Piseari das reiche Stüttlin S. Angelo .... belagert, beschossen vnd auß d e m S t e g r ü y ff gestürmt.

Fronsperger Kriegsrechte (Frankf. 1565) 243a was man vom Stegreyff stürmen wil, das thu in eyl, geheim vnd still.

Franck Chronica (Strafsb. 1531) 232a sy ivolten morgen frü die vor statt Burga noua eilends auß dem ste greif f mit leittern, wie sy möchten, stürmen.

Diese beispiele reichen aus, um einerseits zu beweisen, dass die bedeutung.scntwicklung von aus dem Stegreif im 16 jh. schon im vollen gange war, und anderseits, dass die anbahnung dieser entwicklung gerade im bereich des belagerungscomplexes erfolgte.

EIN GESETZ DER BEDEUTUNG9ENTWICKLTJNG 67

von hier aus verstehn wir auch ohne weiteres die cutwicklung der bedeutungscomponente 'rasch, ohne viel Vorbereitungen', die in den belegen aus dem 17 jh. deutlicher zum Vorschein kommt als in den späteren, und die übrigens in du- oben skizzierten entwicklung von 'überhaupt' eine gute parallele hat. man wird also nicht um die annähme herumkommen, dass auch aui dem Stegreif die Sphäre des belagerungscomplexes passiert hat, eh es von seiner ursprünglichen bedeutung zu der modernen verwen- dungsffi eise gelangte.

Wir wenden uns nun einer gruppe von verben zu, deren gemeinsames merkmal ist, dass sie mit an zusammengesetzt sind, ohne dass dem modernen Sprachgefühl die ursprüngliche bedeu- tung dieser partikel noch lebendig wäre, typus : eine Reise an- treten, wo die ursprünglich in an steckende Vorstellung der an- nähemng au irgend ein objeet vollkommen verloren gegangen, oder irgendwo eine Schraube, eine Schnur, ein Loch anbringen, wo sie wenigstens stark verblasst ist.

Es i-t leicht einzusehen, das- dieser zustand ein seeundärer sein mnss. ursprünglich konnte man an mit diesen nnd anderen werben sicher nur dort verlanden, wo die Vorstellung der an- Däherung an ein bestimmtes objeet tatsächlich vorhanden war. wir werden also erwarten, dass den citierten phrasen und ihren verwanten eine schiebt von ausdrücken vorausligt, in der die- selben verba mit der partikel an Verbindungen von concreterer, dem ursprünglichen sinne näher liegender bedeutung eingehn. das ist nun tatsächlich der fall, und zwar lässt sich widerum zeigen, dass eine ganze reihe der jetzt verblassten o/i-composita im 15/16 jh. die deutlichsten consociationen mit dem belage- rungscomplex aufweisen, das objeet dem die durch an ausge- drückte annäkerung gilt, ist in den meisten fällen die belagerte stadt, gelegentlich allerdings auch die Stellung die der feind im offenen fei de einnimmt.

In diese gruppe mit dem belagerungscomplex consoeiierter «n-zusammensetzungen gehört vor allem anlaufen, das ja im elastischen mhd. vom angriff auf menscheu oder tiere gesagt wird (Iw. 676 G und lief drdte den leicen an: Nib. 92 ">, 3 do lief er Haqencn an), später aber auch vom stürm auf befestigungen gilt:

Liliencron Hist. volksl. ur 377, 180 die Bauern liefen Weins- perg :>> ... »>i<l li< fens sclüoß gewaltig an (1525).

Pries Bauernkrieg in Ostfranken (Wirzburg 1883) s. 240 haben sich die tiberigen bauren . . . hinauf getan und . . . *loss zu stur Hirn angelaufen.

Reifsner Frundsberg 37" und haben die Statt Valensa mit dem Sturm angela äffen; 161a Umb Mitternacht haben die Teutschen Peter Nauarren Lager, das mit hohen Scheint :en verbautet war . . . mit eynem Sturm angelauffen.

5*

6S SPERBER

zu untersuchen, warum an die stelle der zuletzt citierten phrasen so häutig; das transitive den Sturm anlaufen tritt, ist hier nicht unsere aufgäbe, es genügt festzustellen, dass sich dieser aus- druck im 16 jh. einer ausserordentlichen heliebtheit erfreute, ich setze nur ein halbes dutzend belege her, bin aber überzeugt, dass sich diese anzahl verhundertfachen liesse.

Pries Bauernkrieg in Ostfranken 241 In solchem haben sich die pauren wider versandet and den stürm zum andern med (( n ei cla h/V n. Keifsner Frundsberg 131a und haben den Sturm über den

Fluß und über die Brücke angelauff'en. Bugs Villinger chronik (= Bibl. d. Lit. Vereins in Stuttgart, bd. 104) 183 am crichtag . . .habend die find nebend icc~ lemelten ort alermauls gesprengt, den stürm dauff angeloffen. Sendbrief, wie sich der Turckisch kayßer . . . für die stat Rodis belegert (ausgegangen zu Venedig 1521) A 4a . . . ladt der turck . . . 2 stürm angelauff'en. Baumann Quellen z. gesch. d. bauernkriegs in oberschwaben (= Bibl. d. Lit. Vereins bd. 129) s. 769 In sollichem Waren die füßknecht begirig und lüffen den stürm an. Busteter Ernstlicher bericht (1532), hgg. v. Ignaz Peters, Bonn 1887, s. 12 teann der find den stürm anluffe. Avie dies bei häufigen phrasen zu geschehen pflegt, wird dann auch bei den Sturm anlaufen das objeet weggelassen, sodass eine art ellipse, ein absolut gebrauchtes anlaufen im sinne von 'stürmen' entsteht, auch dieses lässt sich sehr reichlich belegen, zb.

Fries Bauernkrieg 240 indem haben sich die bauren tuol herzu getan . . . und geringsumb mit großem geschray ange- lau ffe ii. Reifsner Frundsberg 39b daß sie dreyzehen Stürm haben ver- loren vnd nicht mehr dorffen anlauffen. Belegerung der Stadt Wien 1529 (von Peter Stern von Labach), "Wien 1529 C 4;i Mitlerweil hat sich der Türkh mit seinem volkh . . . zum anlauffen gestellt. Josephus Sieben Bücher von dem jüdischen Krieg (Strassb. 1535) 116a Als vil sye verzäglicher anlief fen , als vil freydiger fanden sie die Römer. Ebenso noch um 1700:

As. Banise (Bobertag) 386, 39 hohe leitern, auf welchen drey personen neben einander anlauffen konnten. Es lässt sich unter diesen umständen nicht bezweifeln, dass an- latffen zur reformationszeit ein terminus technicus der belage- rungskunst war. in derselben periode beginnt die übertragene Verwendung des ausdrucks, und zwar sowol in der ausführlicheren Verbindung mit stürm als auch häufiger in elliptischer Verwendung.

EIN GESETZ DER BEDEUTUNGSENTWICKLUNG 00

Garg. 280 (neudruck) Dun» alsbald sie ihm den Forst kamen vnd jm (dem raaultier) die Roßbremen ein Schlucht lif- fcrten, md dapfer den Sturm anlieffen. . . . Luther VI, 503 hiemü wil ich yder'man verwarnet haben, da» er nit durch Römischen handel und doctor Ecken beschissen cii mir ii n In "/• Will, 38.') warunib ich weite still schweygen und sie getrost

anlauffen und sich ergern lassen, Neudrucke 118, 3 Gott hat sie verölend vnd verstockt, das sie

sollen anlauffen vnd eu scheytern gelten. Garg. 313 (neudruck) spotteten auch . . . der armen Jfiladen- gecken vnd Nudelbekken, daß sie so übel angeloffen waren (= prügel bekommen hatten). Wir befinden uns liier offenbar auf dem wege der zur ent- stebung von nbd. jemanden anlaufen lassen und verwanten phrasen geführt hat. der ursprüngliche vorstellungsinhalt dieser pbrasen war sieber 'jemandes angriff ruhig abwarten und zurückweisen'. das beispiel Luther, Neudrucke 118, 3 lässt vielleicht darauf scbliefsen, dass auch andere Vorstellungen (scheitern eines Schiffes an einem leisen) sich gelegentlich einmischen konnten, aber bei der ausserordentlichen actualität und frequenz, die anlaufen als Fachausdruck der belagerungstechnik offenbar besessen hat, wäre die annähme gänzlich unhaltbar, dass der hauptanteil an der entstchung übertragener gebrauchsweisen von anlaufen einer an- deren bedeutungsvariante als der hier behandelten zuzuschreiben wäre, erwähnenswert ist, dass sich gelegentlich auch ansätze zu bedeutungsveränderungen zeigen, die später wider verloren ge- gangen sind, zl).

Baumann Quellen z. gesch. d. bauernkriegs in Oberscbwaben

(Bibl. d. Lit. Vereins bd. 129) s. 71 Ersamen, iveysen,

besundem lieben, uns lauft an, wie ir unser feint in

ewer statt, die uns dan schon angriffen und ain post

nidergelcgt, enthalten (brief vom 30. märz 1525).

Hier ligt offenbar occasionelle expansion von anlaufen auf

kosten der in diesem Zusammenhang sonst gebräuchlichen phrase

uns langt an (= wir erfahren) vor.

Interessant ist auch die bedeutung 'mit bitten bestürmen; die ua. bei anbringen eine parallele hat, vgl.:

Schertlin Briefe 85 Die armen enderthanen diser statt ampts

lauffen mich mit hauffen a n und bitoi, sich in huldi-

gung zu neme n.

Aehnlich verhält sich das Substantiv Anlauf , welches wir

gleichfalls sowol als fachwort der belagerungstechnik, als auch

in übertragener Verwendung finden, zb. ersterea bei

Reifsner Ernndsberg 108a zu, diesem ersten anlauft' waren verordnet funff Hauptlcut.

70 SPERBER

Schertlin Lebensbeschreibung (bgg. v. Schönhuth, Münster 1858) s. 5 welches (schloss) wir gestürmpt, im andern a n 1 o uff gewonnen, letzteres bei

Fuetrer Bayr. chron. 261 sy wolt sich dein weltlichen wesen und textlichem Anlauf (etwa: belästigung) nit under- werfen. Luther Briefe 3, 450 Gott behüte uns für alle listige an- laufe und (jesuche des Teufels (22. mai 1529). HSacbs 22, 11, 3 So lert Paulus . . . fechten wider den an-

lau ff des teüffels. Ganz analog wie bei anlaufen liegen nun die Verhältnisse auch bei antreten, das sich schon im späteren mhd. der ter- niinologie des belagerungscomplexes einreiht: Jer. 15 904 und mit den anderin began raste allume treten an die burc mit stürme . . . 10 215 unde trat mit sinen an sturmende, unz er geioan die burc. Livl. Reirncbr. (Meyer) 8019

do er vor Terweten quam mit dem here, er vernam und trat selbe an (präposition V) daz wal. daz her im volgete ane zal. Tenoeten man do gewan. Dann sehr häufig den stürm antreten, zb.

Weller Aelteste Zeitungen [= Bibl. d. Lit. Vereins bd. 11 1] s. 72 und tratten den stürm mit werhafftiger hand an (a. 1528). Wilw. v. Schaiunburg s. 20 Darumb ließ herzog Karl . . .

den sturmb ant retten. Belegerung der stadt Wien (s. oben) C 4a der Türkh würde . . . ainen gweUtigen grossen Stürm geringe vmb die Stat an allen ortten antretten. Bauinann Quellen z. geseb. d. bauernkriegs in Oberschwaben s. 77 wan dem tag nechet, icurden sy den stürm mit uns antreten. Römische Historie Titi Livij, Mainz 1514, 103a Da Hanibal such, das es nit anders syn mocht, ließ er ein stürm an- tretten . . . Da man nun den stürm antrat ebda 134b toieivol an dem antretten ir vil wund und er- schlagen wurden. Reifsner Frundsberg 74a ob icöl die Stattmauivem niderlagen, dorfften die Itali keinen Sturm antretten.

EIN GESETZ DER BEDEUTUNGSENT WICKLUNG 71

nach dem nuistcr dieser phrase ist dann eine reihe anderer ge- bildet worden, die Bchliefslich zur entstehung der modernen be- dentnng von antreten (= beginnen) geführt haben, bemerkens- wert ist wider, dass wir uns zunächst Doch im gebiet des kriegs- wesens beiluden, vgl.

HSachs 1, 225, 8 Das heer Juda er hat erschreckt,

das wrib hüff Grott, dm Herren, bat und nach dem einen streyi antrat. Garg. 107 (neudruck) ah solt ihr Hector mit dem Ächillc ein kämpf ant retten. 399 dass sie die schreckliche grosse schlacht ant retten. erst viel später wird, soviel ich sehe, der jetzt so häufige typus 'einen Weg, eine Eeise antreten' gebräuchlich, vgl.

Grimmeishausen Courage 9, 23 (Bobertag) mich den jenigen weeg :u weisen, den ich euern raht nach jetzt erst a n - t retten soll. Als drittes verbuni dieser gruppe sei u n stellen kurz be- handelt, für dessen bedeutnngsentwicklung die folgenden in den bereich des belagerungscomplexes fallenden belege die nötigen anhaltspuncte geben:

Wierstraat, Beimchronik der stadt Neuss (hg. von Groote, Köln 1855) 002 dye vyant stalten an

mytbuessen in (= in die stadt) zo schiessen manchen tumeler groyt. Vegetius Vier Bücher der Ritterschaft (Augsb. 1529) M 3a eine brück (f allbrücke) . . . welche behende zwischen dem thurne (belagerungsturm) und der Mawrn %cirt ange- st eilet. Sohns Kriegsbesehreibung (1554) II. 20b erfame Kriegsleut . . . icelche die mit den Handroren füren md anstellen, damit dieselbigen die am Sturm .... beschirmen. Reifsner Frundsberg 27a ... hat er bedd etlich angestellt, die mit Hautven, Pickeln vnd Schauffein ge.arbeit vnd die Mcmr undergraben haben. Guiccardini Historien, übersetzt v. Forberger, Basel 1574: 399a Jnn der nacht . . . hiess Malatesta vier Geschütz zwischen St. Lucas Thor vnd dem Schloss anstelle,)', einen Wahl einzunemmen. 437b da sie nu das geschütz (bei einer belagerung) an ziceyen orten ang estelt und viel damit aussgericht. Obwol ich diese Verwendung von anstellen nicht annähernd so reichlich belegen kann wie die entsprechenden Wendungen mit anlaufen, antreten, scheint es mir doch klar, dass wenigstens ein teil der modernen bedeutungen hier, innerhalb des belagerungs- complexes, seine anknüpfung findet, das wort, Avelches wir oben in der bedeutung 'bei der belagerung einer stadt postieren* nach- gewiesen haben, scheint zunächst von geschützen und sonstigem

72 SPERBER

belagerungsgerät verwendet zu worden, daua auch von Soldaten welchen beim stürm auf die stadt eine besondere aufgäbe an- vertraut wird, hier ligt offenbar der ausgangspunet der im nhd. so geläufigen phrase jemanden anstellen 'ihm ein amt, eine be- schäftigung übertragen*, wie sich die expansion im einzelnen vollzogen hat, bedarf weiterer Untersuchung, jedenfalls lässt sich die. tendenz zur bedeutungsverschiebung schon früh nachweisen, widerum scheint sich das wort zunächst noch innerhalb der Sol- datensprache zu halten, vergl.

Reifsner Frundsberg 26b Antonius de Columna hat das Kriegs- volck und die Büchsenmeister angestellt , wo zwar gleichfalls von einer belagerung die rede ist, aber doch eine kleine erweiterung des ursprünglichen gebiets vorligt, da die tätigkeit des anstellens nicht wie gewöhnlich dem angreifer sondern dem Verteidiger zugeschrieben wird, ferner

Fronsperger Kriegsbuch III. buch vorrede: Derhalb, eh ich ein Feldtschlacht thu, ich in (1. ein?) Ordnung hon dar zu, All mein KriegsvölcJc recht stellen an. dass Anstalten treffen und ähnliche phrasen verwanten Ursprungs sind, ist mir sehr wahrscheinlich, wenn es mir auch vorläufig an belegen fehlt.

Man kann nach dem gesagten ruhig behaupten, dass der belagerungscomplex im 1 5/1 G jh. ein wesentliches, scharf hervor- tretendes und sehr entwicklungsfähiges dement iunerhalb der gesamtsphäre des verbalpräfixes a n - gebildet hat ; beinahe könnte man sagen, dass alle verba der bewegung, sowol die intransi- tiven wie laufen, als auch die transitiven wie bringen, in der Zusammensetzung mit an- Wörter bilden, die in das gebiet der be- lagerungstechnik gehören und von hier aus neue bedeutungen ent- wickelt haben, das gilt zb. meiner ansieht nach von anbringen, anschicken, ankommen, anfuhren, antreiben, hier nur wenige cha- rakteristische belege, die ich bei einigen der Wörter schon jetzt vermehren könnte.

AYus das wort anbring en betrifft, so habe ich hier vor allem die Verbindung mit Sachbezeichnungen im äuge, den typus, der durch nhd. irgendwo eine Schraube anbringen vertreten ist. soviel ich sehe, begegnen als weitaus älteste angehörige dieses typus schon vom 15 jh. an phrasen, in denen das mit anbringen verbundene Substantiv ein belagerungsgerät bezeichnet, zb.

Feuerwerksbuch (15 jh.), hs. 3062 der Hofbibliothek zu Wien, S G0a wa du ain solichen scherm anbringen (= ein solches .sturmgerät an die rnauer bringen) mächst, da macht du dein willen roibringen . . . cm aller wer hindernüs.

Mittelalterliches Hausbuch 38, 8 wo sie (die belagerer) leitern anbr inge n.

EIN GESETZ DER BEDEUTÜNGSENTWICKLTJNG 7.;

Wilwolt vScbaumburg 89 (die stürmenden) brachten dk

leiten/ dreien enden a n. Auch dieser typus gehört also ursprünglich in den kreis il^y hier behandelten phrasen^ wo seine entstehung leicht verständlich ist. wieviel von den übertragenen bedeutungen von anbringen von hier ausgegangen ist, lässt sieh ohne genauere Untersuchung nicht sagen, im hinblick auf nhd. bestürmen sowie auf die oben bei anlaufen nachgewiesene bedeutung 'mit bitten bestürmen1 halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass das häufige anbringen 'be- antragen, ersuchen' (zb. Mon. Habsb. 1, 3, 100 uff der Tagfart mm EWing gehaldenn mit dem Konige und unserm orden wart . . . beslossot in dieser »och folgenden weisse noch euwrem // nbr engen a. 1479) nichts weiter als eine Übertragung der dem belage- rungscomplex angehörigen phrase darstellt, doch ist hier na- türlich wider mit der möglichkeit zu rechnen, dass auch jene ausdrücke eingewürkt haben, in denen anbringen von kämpfen im offenen t'eld gesogt wird, wie ab.

Wilw. vSchaumbg 91 iedlich Ordnung zu rechter teü an- bringen (an den feind bringen). Ueberhaupt ist bei den wenigsten der hier in rede stehnden phrasen die möglichkeit, dass neben der Vorstellung von der belagerung auch die allgemeinere von kampfhandlungen anderer art mitgewiirkt hätte, stricte in abrede zu stellen, doch bahr ich den bestimmten eindruck, dass der einfluss des belagerungs- complexcs bei weitem überwiegt, dass also ursprünglich zu dem an- der Zusammensetzungen in der regel die befestigungen einer belagerten stadt, nicht die Schlachtordnung des feindes als ziel- punet gedacht wurde.

Für die eingehndere Untersuchung von a n seh i e k en, a n - treiben, anführen mögen folgende belege anknüpfungspunete bieten :

Behcim lieimchronik (Quellen u. erört. z. bayr. gesch. III) 933. 5 nun waren die pfaltzgreuischen in des strites ver- mied/cn vorn an g e schiele c t uff die spitz (heim stürm auf eine Wagenburg). Sendbrief usw. (s. o.) zu ersten haben sy angeschickt tu

stürmen lauter schwartz moren. (hingegen von der feld Schlacht: Vegetius E 4a wie die spitzt

angeschi cket werden söl, so der streit angeet). Chron. d. städte 1, 180, 27 man sol sechs vom rate biten, daz ie zwen bey einen st arm sein und das rolck an- treiben. Guiccardini, übers, v. Forberger 145a Vnd ah nu so viel maum lag, als man achtet gnug sein, wolle Hercules d: völek antreiben einen hefftigen stürm zu thun. Solms Kriegsbeschreibung II. 20a bis (bei der belagerung; die Wächter zu roß rnd fuß an gefürt werden.

71 SPERBER

alle drei verba treten schon frühzeitig- in übertragener bedentnng auf, zb. Frank Chronica 219a was für abentheur vnd Bubenstück gye Indien <( n g c S C h i c k t. Guiccai'dini 144b er hettc den von Vcdentz angetrieben, dass er mit geicapncter hand in ihre Grentz kommen were. HSachs, Fastnachtspiele 6, 299 (neudrucke) du schmoroteer und galgerihun, woltst d)i mir rerfüren mein snn, mit bubenstücken füren an, das er mir auch kein gut solt than. Genauerer feststellungen bedarf auch ankommen, das sich zwar in typischen belegen als angehöriger des belagerungscorn- plexes nachweisen lässt (= vor einer Stadt ankommen, um sie zu belagern), zb.

Hugs "Villinger chronik 182 ... sind sy Mens fürtter gen Wien geruckt und an den 21 tag Septembris ain huffen nach dem andren daselb zu Wien a nie um en, die statt berentt und besiechtigett . . . Reissner, Frundsberg 157a den gantzen Hauff en, der nach der ankunfft vor Narni (welches erobert wurde) vier Monat . . . zu Born gelegen, das aber auch ziemlich reichlich und frühzeitig in zusammen- hängen auftritt, wo von keiner belagerung die rede ist, wie

Fontes rerum Austr. I, 1. 468 (Kirchmayr) so sey pey zwantzig tausend guetter Lantzknecht mit Inen in die Maylanndisch Lannd ankörnen. Fries Bauernkrieg 156 so waren noch am sontag zu nacht ain geringe anzal der gesanten von stetten ankörnen. dagegen bin ich trotz der relativen spärlichkeit des mir derzeit vorliegenden belegmaterials überzeugt, dass die phrase nicht daran wollen ähnlicher herkuuft ist, wie die bisher behan- delten a»-composita. die ältesten mir bekannten belege schildern sämtlich die unwilligkeit belagernder Soldaten, sich den gefahren eines sturms auszusetzen :

Belegerung Wiens (s. o.) C 3b die Obrissten Turkhen tind Wascha haben auch das volckh zu den Stürm . . . mit Prügeln vnd Säbeln gaeltigkldich getriben, aber ir kainer daran wellen. HSachs 16, 392, 9

Wann sie musten steigen gar hoch In der gefallen lucken loch, DerhaTben keiner wolt daran. Soltau Histor. Volkslieder 343

Als er zum letzten stürmen wolt Vnd do dg volck ein lauffen solt, Do thet es stiller stane,

EIN GESETZ DEB BEDEUTUNGSENTWICKLUNG 75

Do tryb er si mit gwalt hinan, /•.V schlag stöbert eil manchen man. Nach trollen sy nit (Ivane. Franck Chronica 21 ü:l Er thet sich mit tsweyen häuften herzu, die seitla g er mit kolbcn und schein zum stürm, sy w ölten aber n icht da r a a. Liliencnm Hist. Volkslieder 550, 30 (1547) sie (die be-

lagerer) w ölten mit dem ernst nicht dran. Reifsner Frundsberg 105a als sie . . . ein Sturm wolten an- treffen, hahai die Knecht nicht dran gewölt . . . keiner w olt itt ehr dar a n. Für einige verwante plirasen, zb. daran müssen wird man den gleichen Ursprung vermuten dürfen, vgl. Soltau Hist. Volkslieder s. 422

der Türk mit gcwalt thet treiben sein volle zum stürm hinan, welcher wollt dahinten, bleiben, den ließ er entleiben, sie m ästen alle dran. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass auch in der ge- schichte von ab- ähnliche einflüsse nachweisbar sein werden, wie bei seinem gegensatz an-, eine Statistik über das vorkommen von abtreten, abziehen, abtreiben würde sicher zeigen, dass diese verba im 16 jh. aufs engste mit dem belagerungscomplex conso- ciiert sind, aber da hier die Verhältnisse zum teil recht com- pliciert liegen, begnüg ich mich vorläufig mit diesem hinweis. In die reihe der dem begriffskreise des belagerungswesens entstammenden worte gehört ferner aller Wahrscheinlichkeit nach auch auffordern; weit älter als die frühesten im DWB. nachge- wiesenen belege ist eine im 16 jh. ziemlich reichlich vorkommende schiebt von fundstellen, in denen fast ausschliefslich von der aufforderung zur capitulatiou die rede ist. dass das wort ur- sprünglich dieser begriffsspbäre augehörte, macht auch das auf- treten von auf- in dieser Zusammensetzung verständlich: auf- fordern bedeutete wohl ursprünglich 'fordern, dass eine festung ihre tore auf tue1, im folgenden einige belege:

Baumann, Quellen z. gesch. d. bauernkriegs aus Kotenburg (= Bibl. d. Lit. Vereins 139) 447 eds er sie dann durch sein ernholt auffordern ließ und sie sich nit ergeben wollten. Baumann Qu. z. gesch. d. bauernkriegs in Oberschwaben 540 mitler weil fordert herzog Ulrich edle flecken im lant auf (ähnlich 569, 597, 701). Hugs Villi nger chronik 9 do wertend sy sich edlso tapfer, das Jcain hoptman sy nit torst uff er forder n (vgl. 12, 112). Liliencron Hist. volksl. 377, 663

man ließ in (den belagerten) ganz und geir kein ru

76 SPERBER

und sclioß an allen enden zu u)kJ fordert 8 nf bei rechter zeit Sohns Kriegsbeschreibung II 19a und (soll) älßdann einen Ilcrolt . . ., den Flecke» auff zu fordern, schicken, und den Hecken seines gefaUens in gemeyn oder in Gnad vnd ungnad auffordern lassen. Götz von Perl. Lebensbeschreibung (Leitzmann) 104 und forderten das Huuß und Schloß, darauf ich war, auf. (vgl. ferner Fronsperger Kriegsrecht s. 36bff.) ^"onn auffordern gelegentlich, zb.

Baumann Quellen z. gesch. d. bauernkriegs aus Rotenburg 37 die baurschaft allenthalben in dorfern und weylern uffzu- manen und uff auf ordern in der bedeutuug 'aufbieten' vorkommt, so ist hierzu zu bemerken, dass zwar auch innerhalb des begrift'sgebietes der mobilmachung ein auffordern als parallelbildung zu aufbieten, aufmahnen, auf- bringen ohne weiteres verständlich ist, dass aber jedenfalls die gröfsere Wahrscheinlichkeit dafür spricht, dass wir für die spätere bedeutungsentwicklung an die häufiger belegte funetion ,*" also an die bedeutuug 'zur übergäbe auffordern1 anzuknüpfen haben, übrigens ist natürlich auch hier mit der schon oben hervorge- hobenen möglichkeit zu rechnen, dass sich in der bedeutungs- entwicklung eines und desselben Wortes die einflüsse verschiedener begriffskreise vereinigen.

Das gilt auch sicher von dem bedeutungsü bei gang, den Ort erlitten hat. das wort bedeutet ja ursprünglich 'spitze', und wie es zu seinem modernen sinn 'platz, stelle' gekommen ist, ist durch die behaudlung im DWB. meines erachtens noch nicht genügend aufgehellt, einer der wege die zu letzterer bedeutung führten, dürfte folgender gewesen sein:

Das mhd. wort bezeichnet unter anderem die eckpunete einer stadtbefestigung, vor allem des häufigen viereckigen typus einer solchen, zb.

Pehaim Buch von den Wienern 85, 27 Under dem selben geezeug vor» vir grosser haptpuchsen liy varn, der yegeliche schoss ainen stain drei :entcn sieer, als ich c.: main, die sy auf dy v i r arte zu dem gslass heten karte (= die sie auf die vier ecken des Schlosses gerichtet hatten), Stolle Erfurter chronik (Zs. 8, 329) rette, teeren babist und keyser an zweien ort er n, pfalzgrave und die eitgnossen an den andern zweien enden, dannoch nmste MuJ/nhussem. verde burgundisschen henden.

Sendbrief (s. o.) P 2a (man hat) die rerredter gfyertailt und die stuck an die 4 ort der stob auf die maur gestecket.

EIN GESETZ DEB BEDEÜTÜNGSENTWICKLUNQ 77

Dürer Underricht zur Befestigung der Stett, Nürnberg 1527 D P von ihn ersten noeyen ecken (des Schlosses) sol das in"- gegen dem auffgang, das andere gegen dem nidergang gesetzt werden, darnach kummen die andern ewey ort das eine gegen mittag, das ander vor mittemacht. U diese 'orte' = eckpunetc der Stadtmauer ist nun zunächst sicher auch gedacht worden, wenn es hiefs, dass eine stadt an allen (vier) orten angegriffen, belagert, angezündet wurde, zh. Jeroschin 20 813 darnach an allen orten

wart di bure von in inzunt. Küdiz Ludwig d. heil. 37, 28 er belac duz stoz al umbe und

umbe n f alle ort e. Bebaim Buch v. d. Wienern 1 TG, 8

man hart (hörte) da in ir baider wer van püchs und armprust grossen schal, daz c: aufj alle ort erhal (siehe die oben citierte stelle).

Buch der Liebe 180° Frankf. 1587 Sicna die statt war auf

allen orten belagert . Franck Chronica 18 11' do wurden syc räthig die statt allent- halb umbzügeben und fiengen an vier orten he/füglich an zu stürmen. Von diesen letzteren phrasen kann unmöglich eine überaus zahlreiche weitere gruppe von belegen getrennt werden, welche besagen, dass eine stadt an zwei oder drei orten, eventuell auch an einem, an fünf oder an vielen orten angegriffen wird, in dieser gruppe aber tritt eine deutliche bedeutungsverschiebung und annäherung an den heutigen sinn von Ort zutage, denn in einigen fällen lässt sich mit grofser Wahrscheinlichkeit zeigen, dass die Schilderungen nicht die eckpunete , sondern beliebige andere stellen der mauer im äuge haben, aus der sehr grofsen menge der zur Verfügung stehnden belege wähle ich hauptsäch- lich solche aus, bei denen uns eine solche Verdunkelung der ur- sprünglichen bedeutung entgegentritt.

Diebold Schilling Berner chronik I 294 Zu stund kam das geschrei zu den houptluten und panern, wie die Stadt « n a i n e m Ort geicunnen icere. Weller Aelteste Zeitungen 75 und als die Knecht alle begirig waren, fing man an die statt zu stürmen an dreien orte n. Chronik von Kaisheim (Lit. verein 226) 442 hat er . . .

daß doster an 2 orten belegert. Zeitgenöss. berichte über die eroberung Roms (Materialien zur neueren geschichte 2) s. 5 deß keysers vokk hot die IV tage dy stad harte angegriffen, auch an zweyen

7- SPERBER

orten belegcrt, a n d e m einen orte haben sy vil knechte vff bei/den Seiten erstochen. Belegerang Wiens C 21 die Maur an rill Orttn zu under- grdben.

Reifsner Erundsberg 25b . . . haben sie sich widerstanden zu stürmen und auff hcyihn seyten angefangen, den Sturm an- Btüanffcn, die Frantzosen am ort vor Mantuaner Porten, biß zum oit Citiadel genannt, aber die Venedischc bey Vicentincr Porten. 2G* die Frantzosen haben an fünff orten die Mauivr ge- feilt (u. ö.). 73-1 in der weiten Statt an allen orten, ivo sich der Feind erzeigt, dahin hat er geeylet, sie abgetrieben und allenthalb Widerstand gethan. 172a zusprenget die mauwern an manchem ort und stürmet

hefftig. Aus verschiedenen gründen, die sich zum teil von selbst ergeben, ist es ausgeschlossen, hier überall mit der ursprüng- lichen bedeutung von Ort zu rechnen, wenn es zb. heilst, dass die feinde die Stadtmauern 'an vielen orten' untergraben, so werden wir natürlich nicht annehmen dürfen, dass sie sich für diese tätigkeit gerade nur eckpunete aussuchen, die ja regel- mäfsig durch türme oder sonstige Verteidigungsbauten verstärkt sind, in anderen fällen lassen sich die örtlichkeiten um die es sich handelt, auf der karte genau localisieren. so lehrt ein blick auf die karte von Verona (mir ligt Torellus Sarayna De origine et amplitudine civitatis Veronae, Verona 1540, sowie die karte von Baptista Merulus aus dem jähr 1671 vor), dass mit dem 'Ort vor Mantuaner Porten'; von dem oben Frundsberg 25L die rede ist, kein eckpunet der befestigung gemeint ist. Ort bedeutet hier etwas ähnliches wie jetzt, nur dass die ursprüng- liche consociation mit dem begriff 'stadt' noch durchaus deutlich ist. bald aber erfolgt, vermutlich zunächst auf dem uns schon bekannten wege über ausdrücke des kriegswesens. die sich nicht auf die belagerung beziehen, eine expansion, die diese conso- ciation lockert und so eine weitere annäherung an den nhd. be- griffsinhalt von Ort zur folge hat. man vergleiche

Baumann Quellen z. gesch. d. bauernkriegs in Oberschwabeu .566 die pauren wurden . . . inen an dreyen orten dieselbige nacht in ir unordenlich läger fallen. Fronsperger I 43a darmit geschivindt und behendt zu einer gevierdten Schlachtordnung gedrungen und deß Feindts au ff alle vier orth in ividerstandt verharrt mag teer den. 43a uo ein Hauffen mehr denn an einem orth angegriffen, überfallen und ersucht wirdt . . . daß man aitff alle vier orth verwahrt und. versehen sey.

EIN GESETZ DER BEDEUTUNGSENTWICKLUNQ 79

Ich widerhole, dass ich aus hier nicht darzulegenden gründen überzeugt bin, dasa die entstebung der nhd. bedentang von Ort auf verschiedene zusammenwirkende Ursachen zurückzuführen ist. das hier gesagte soll nur beweisen, dasa der brlagerungseomplex auch aus der geschichte dieses Wortes unmöglich ausgeschaltet werden kann.

Auch bei Gelegenheit müste eigentlich eine statistische Unter- suchung feststellen, ob sich die heutige bedeutung aus der alten ('läge; art wie jemand oder etwas liegt') durch die Verwendung des wortes als terminus der belagerungskunst im besondern oder der kriegskunst im allgemeinen erklärt: aus häufig begegnenden ausdrücken wie

Garel 10 024 er h.ete wol vernomen

flu: er so nahen na was leomen zuo der rinde g clegenhei t . . . . 10 050 ob c: ist iwer atter rät,

das ir mich dar riten lät, ich spehe die gelegenheit ('wie sie gelagert sind') ergibt sich der erste ansatz zur be- deutungsverschiebung, denn ein solches 'erspähen der gelegenheit' (= Situation) erfolgt natürlich oft in der absieht, eine möglich- keit zum angriff, also eine 'gelegenheit1 im modernen sinn zu finden, und so treffen wir denn schon frühzeitig belege an, wo die bedeutung des mhd. wortes sich mit der des nhd. zu decken scheint, wenn wir auch mit Sicherheit annehmen dürfen, dass die jetzt verlorene association mit dem begriff des recognoscierens damals noch vollkommen lebendig war. zb. Ottokar 48 865 sit man niht enhunde

rinden die gelegenheit , daz den heiden dhein leit cht ir (der Christen) verderben müht geschehen, so solde man nur besehen, iv ie man der stat wielte vmd si so Jung behielte, xmz die heideti rerdruzse. die Wahrscheinlichkeit aber, dass diese bedeutungsentwicklung zu einem beträchtlichen teil durch einflus.se von seiten des be- lagerungscomplexes bedingt ist, ergibt sich mir aus der ganz auffallenden häufigkeit, mit der das wort im 15/ IG jh. gerade in solchen zusammenhängen widerkehrt, wo von belagerungen die rede ist (während vorher eher die auf den feldkrieg bezüglichen fälle zu überwiegen scheinen), hier nur einige wenige beispiele. Behaim Buch v. d. Wienern 304, 8 Als di.se, dg man yeezund hat im pucJi gehöret nennen, disez gslass (schloss) ivom erkennen

SO SPERBER

und sein glegenhait nemen auss .... icy und an welchen enden duz <<h/}' das pest zu gewinnen waz . . . J.i\Mis Römische Historie (Mainz 1514) 137a da er ge- legenheit der Statt und die mureu am besten be- sichten mocht, Fries Bauernkrieg 170 sie hetten du* slos besichtigt und ge- fordert , wert inen von den jenen so darin ganz trutzlich anticort worden, über nicht desto minder hetten sie alle geleg enhait abgesehen. Belagerung Wiens C 2a der dantzumal der Stat gelegen-

h a i t selb besichtigt. Solms Kriegsbeschreibung 2, 20b aber wie ein jeder Fleck gestürmet soll werden, keen in SeJtrifftcn niemand gründlich anzeigen, sondern solches muß . . . nach gelegenheit der Besatzung im Flecken vnd des Kriegsuolcks hieausen geschehen. Gargantua (neudruck) 423 Als sie nun . . die gelegenheit der Stadt besichtigten, daß sie hoch vnd ihnen nicht -um bequeviestcn lag . . . Zimm. chron. I 3G4. 9 Darneben so war die bürg von ge- be iren und in sonderhait der w etlichen gelegenliait halben ttngewinlich. Ganz kurz sei schliefslich noch auf die momente hingewiesen, die auch für die bedeutungseutwicklung von Aufenthalt und sich aufhalten die einwürkung des belagerungscomplexes wahr- scheinlich machen, ohne dass man freilich irgendwie genötigt oder berechtigt wäre, die mitwürkung anderer, zum teil allerdings nahe verwanter begriffskreise von vornherein in abrede zu stellen. bei Aufenthalt, wo die Verhältnisse einfacher liegen, steht die sache so : mhd. sich enthalten bedeutet uuter anderem 'sich be- haupten, erfolgreichen widerstand leisten, sich aufrecht halten': Konr. Troj . 31052 Hector küme s i ch enthielt

daz er niht ab dem rosse vlouc. Frauenl. 39, 2 der sich enthielt vor tusent hclden küene . . sich ufenthalten besagte ursprünglich sicher dasselbe, nur dass die Vorstellung des aufrechtbleibens, des widerstehns ohne zu wanken hier stärker betont war. anfänglich wol vom einzel- kämpfer gesagt, der sich nicht zu falle bringen lässt, geht es seeundär auch auf die kämpferschar oder die bürg über, die sich erfolgreich ihrer feinde erwehrt, und gerade in dieser Verwendung finden wir es im 16 jh. gut bezeugt:

Dürer Underricht zur befestigung der Stett D la so ein herr . . . die wal hat, nach seinem willen ein fest sclüoss zu pauen, dar au ß man sich in der not der feynd erweren und au ff enthalten möge.

EIN GESETZ DER BEDEUTUNGSENTWICKLUNG 81

Guiccardini übersetzt v. For berger, Basel 1574 436a das grösser (scbloss) . . . hatte zwey Bolhcerck verloren tmnd ließ sich ansehen, es würde sich nicht lenger auf enthalten

Lintia n.

C. Julii des Ersten Bö. Keyscrs warhafl'tige Beschreibunge aller . . . Kriege (Frankf. 1565) 27G teere es such. dass er tlasxäbiij ort nicht au f enthalten macht, so solt er die Hotten hinnuß füren und durch außbrechunij (ausfall aus der belagerten Stadt) streiten. Busteter Ernstlicher beriebt s. 20 Ergeh sich die statt, sol er die ursacher so langiciriger uff enthalt ung , nach verwirekung straff enn (= Fronsperger I 1451). Im engsten anschluss hieran bezeichnet nun Aufenthalt zu- nächst eisen ort, von wo aus man sich der feinde erwehren kann, aus dem man nicht leicht zu vertreiben ist. von hier aus aber ist nur ein kleiner schritt zu der nhd. bedeutung 'ort, wo man längere zeit weilt', auszugehn ist von fällen wie den fol- genden

Anshelm Berner chronik 4, 434 dass er die kleine stat ge- tvan und von der grossen mur 400 schrit zu Loden schoss, also dass kein uf enthalt me da was. Schilling Berner chronik 1, 250, 20 dann es gar ein stark slos und der rienden uf enthalt was. den Übergang zur nhd. Verwendung bilden dann fälle, wo zwar nicht mehr von Verteidigung, wol aber von schütz vor einer ge- fahr die rede ist, wie etwa:

Weise Masaniello 78 (neudruck) sie vergönne mir doch einen geringen Au ff enthalt in diesem Hause (spricht ein verfolgter), ganz analog verhalt sich auch sich aufhalten, das in derselben bedeutung wie sich aufenthedten vorkommt und eine ähnliche semasiologische entwicklung durchgemacht zu haben scheint, nur gestaltet sich hier das problem etwas verwickelter, da schon früh ein inhd. uf hedten im sinne von 'zurückhalten, hindern' auftritt (vermutlich ein ausdruck der reiterspracke, vgl. Parz. 59, 28 und Martins anm), dem nicht von vornherein jeder eiu- flu8s auf die entwicklung des uns hier interessierenden reflexi- vums abgesprochen werden darf, ich muss mir daher hier ein näheres eingehn auf die geschichte dieses worts versagen.

Ich könnte zu den angeführten beispielen für die semasio- logische activität des belagerungscomplexes noch eine ganze an- zahl hinzufügen, wenn ich, abgesehen von einigen deutschen worten, für die ich vorläufig auf Vermutungen angewiesen bin, auch f rem dw orte wie terrasse, platt form, esplcuuide in den bereich meiner betrachtungen einbeziehen wollte, da sich aber die be- deutnngsentwieklung dieser und anderer worte zum grofsen teil sicher auf nichtdeutschem boden vollzogen hat, seien sie hier

Z. F. D. A. LIX. N.F. XLVII. (J

82 SPERBER, GESETZ D. BEDEUTUNGSENTWICKLUNG

nur erwähnt, um zu zeigen, wie wünschenswert es wäre, dass das hier angeschnittene thema auch für die romanischen sprachen behandelt würde, die behauptung, dass eine reihe der verschie- densten Wortbedeutungen auf die zu beginn der neuzeit auch in der litteratur, der bildenden kunst und der Wissenschaft eine bedeutende rolle spieleude Vorstellung von der belagerung zurück- geht, darf wol auch ohne Vermehrung des belegmaterials als er- härtet gelten.

Mehr sollte und konnte hier nicht bewiesen werden, vor allem ligt es mir fern, in der tatsache dass sich für den hier behandelten vorstellungskreis eine nach vielen richtuugen hin ausstrahlende bedeutungsgeschichtliche würksamkeit nachweisen lässt einen beweis für die allgemeine giltigkeit des oben auf- gestellten bedeutungsgesetzes zu erblicken, ein solcher lässt sich nur durch beibringung einer grofsen anzahl von beispielen aus den verschiedensten begriffsgebieten liefern, und dazu bedarf es der gemeinsamen arbeit vieler, denn wenn auch die durchführung einer Untersuchung wie der vorliegenden sehr wesentlich dadurch erleichtert wird, dass die aufgäbe, von einem gegebenen knoten- punet aus die fäden der bedeutungsgeschichtlichen entwicklung nach allen richtungen hin zu verfolgen, eine der interessantesten überhaupt denkbareu ist, so sind doch die Schwierigkeiten, die sich der erfolgreichen lösung einer solchen aufgäbe entgegen- stellen, sehr beträchtlich, der bedeutungsforscher, der seine auf- gäbe ernst nimmt, muss sich nämlich ein für allemal darüber klar werden, dass das in den Wörterbüchern aufgestapelte material für seine zwecke absolut nicht ausreicht, wollte man zb. nur mit hilfe des Grimmschen Wörterbuchs feststellen, dass bei den hier behandelten worten der belagerungscomplex eine rolle ge- spielt hat, so könnte dies höchstens bei anlaufen in halbwegs befriedigender weise gelingen, bei allen anderen klafft im ma- terial des Wörterbuchs gerade dort wo die Vorstellung von der belagerung in die bedeutungsentwicklung eingreift, eine breite lücke, die sich nur ausfüllen lässt, wenn man sich der anziehenden, aber zeitraubenden arbeit unterzieht, auf die primärquellen zu- rückzugehn. steht man aber erst diesen quellen in ihrer ganzen fülle gegenüber, dann empfindet man schmerzlich die beschränkt- lieit der eigenen arbeitskraft, die es einem bei aller mühe doch niemals gestattet, mehr als einen bruchteil des materials kennen zu lernen, ich tröste mich über dieses gefühl der Unzulänglich- keit mit einer lehre aus den alten landsknechtbüchern, denen der leser hier so oft begegnet ist: dass schon ein kleiner an- fangserfolg von entscheidender bedeutung sein kann, wenn die genossen bereit sind, kräftig 'nachzudrücken'.

Haus Sperber.

AUFFÜHRUNGEN UND BÜHNENPLAN DES ÄLTEREN FRANKFURTER PASSIONSSPIELES.

Die dirigierrolle eines Frankfurter passionsspieles aus dem 14 jb., die Fichard zuerst herausgab und Froning in genauerer lesung widerholte, stellt der forsebung nacb drei riebtungen bin aufgaben, die bisher noeb niebt gelöst worden sind: als Sprach- denkmal, alfl litteraturdenkmal und als tbeatergeschicbtliche Ur- kunde, weder ist der älteste in Frankfurt a. M. aufgezeichnete poetische text, als welchen wir die handschrift des Bartholomäus- stiftes (jetzt in der Stadtbibliothek) zu betrachten haben, in bezug auf seinen sprachstand untersucht worden, noch ist die widerher- stellung des verlorenen spieltextes nach den rollenanfängen, deren Fortsetzungen im Alsfelder (A), Heidelberger (H) und späteren Frankfurter text (F) sowie in der 'Erlösung1 (E) zu finden sind, unternommen und damit der litteraturgeschichte einer der wichtigsten mittelalterlichen dramentexte, der nach verschiedenen seiten aus- strahlende mittelpunct der rheinisch-wetterauischen spielgruppe, er- obert worden x, noch ist dieses älteste deutsche regiebuch jemals nach theatergeschichtlicher methode gelesen und über die bedin- gungen die darin der auffuhrung gestellt werden, wie nach auf- schlüssen die es über die einrichtung des mittelalterlichen theaters zu geben vermag, befragt worden, mit dieser dritten aufgäbe, die

1 die belege von Milchsack (Lit. verein 150) und von "Wirth (Oster- und passionsspiele 1889, s. 295 ff), vor allem aber Fronings tabelle (Kürschners Nat. lit. XIV 3 s. 998—1004) uud neuerdings die Marliurger dissertation von CSchmidt (Studien zur textkritik der Er- lösung 1911, s. 52 ff) geben dazu tingerzeige, doch beginnt nach der aufseren Zusammensetzung erst die kritische arbeit, ich habe diese aufgäbe im sommer 1915 und im winter 1919/20 zum gegenständ von seminarübungen gemacht und bewahre eine bis auf wenige li'icken vollständige reconstruetion des ersten tages. zu der Veröffentlichung der nahezu 2000 verse ist aber vorerst keine gelegenheit. ich citiere im folgenden die Dirigierrolle (D) nach der Froningschen ausgäbe (Nat. lit. XIV 2. s. 340—73) und nach der Wirthschen zeilenzählung, da die von Froning selbst (s. 337) nachträglich empfohlene Milchsacksche Zählung, die er am rechten rande beigegeben hat, doch nicht ganz zuverlässig ist (vgl. zb. zeile 75—80).

6*

B4 PETERSEN

allerdings von den beiden andern nicht ganz getrennt werden kann, wollen sich die folgenden ausfuhrungen befassen.

1. DIE DIRIGIERROLLE.

Die Verwendung der dirigierrolle (D) lässt sich am besten durch die bekannte französische miniatur des Jean Fouquet, die das rnartyrium der heiligen Apollonia darstellt, illustrieren1, auf dem bilde steht ein priester mitten unter den spielenden: in der linken hält er ein buch, in der rechten einen stock, mit dem er den schauspielern den eiusatz gibt, die Stellung des regens ludi im Frankfurter spiel ist in derselben weise zu denken, nur dass er statt des buclies im heberegisterformat (so waren auch Friedberger und Alsfelder dirigierrolle beschaffen) eine wirkliche rolle in banden hielt, die zwischen zwei Stäbchen gespannt, auf denen anfang und ende aufgerollt waren, wie ein film in länge von 4,36 m sich abwickelte, er las darin spielanweisungen und rollenanfänge, die durch rote und schwarze schrift sich vonein- ander abhoben, er selbst hatte nichts zu sprechen, wie es in andern spielen der fall ist, zb. im Alsfelder, wo der regeus ruhe gebietet und das 'veni sancte spiritus' singt (v. 85 ff), oder im Heidelberger, wo der reigierer dieselben anfangsworte zum publicum spricht, die in Frankfurt dem Augustinus zufielen, auch in Künzelsau spielte der Rector processionis eine ähnliche rolle wie Augustinus in F. hätte der regens aber etwa hier die ganze rolle des Augustinus zu spielen gehabt, so würde das wol irgend- wie auf der dirigierrolle zum ausdruck gekommen sein 2.

1 aui'ser den französischen widergaben bei Petit de Julleville, Bapst und Cohen in den deutschen biicliern von Hamnritzsch Der mo- derne theaterbau 1907, abb. 1 und Petersen Das deutsche national- theater 1919, s. 11, abb. 4. Cohen (Gesch. d. Inszenierung d. geistl. Schauspiels d. ma., deutsche ausg. v. CBauer 1907, s. 155) erwähnt aufserdem das Cailleauscke porträt eines französischen Spielleiters, der die dirigierrolle 'rollet' in der rechten halte.

2 in der Alsfelder dirigierrolle, die allein in vergleich gezogen werden kann, sind auffallender weise gerade die worte des regens weggelassen, siehe Legbands Göttinger diss. 1904, s. 47. 49. vgl. auch Wackernell, Die ältesten passionsspiele in Tirol. Wiener Beiträge 2, 10. in Frankreich ist die identität von darsteller und regent ge- legentlich bezeugt, hier spricht nichts dafür, und Cohen, der D fälsch- lich ins 15 jh. setzt. Latte ^ich die bemerkung sparen können, der

FRANKFURTER PASSIONSSPIEL

Die beschaffen hei; von I' verrät, das.s die rolle zu mehr- fachen auft'ührungen verwendet wurde, denn an vielen stellen ist der alte text während des gebraucbea verändert worden, entweder durch zusätze am rande oder durcb ausradierung, die für neuen Wortlaut platz schuf, die randbemerkungen in iliichtiger cursiv- BChrift betreifen vermutlich änderungen , die sich während der proben als notwendig herausstellten; die einfügungen auf rasur dürften einer neuen textredaction bei vorhereitung einer späteren widerholung angehören. über das zeitliche Verhältnis dieser schichten geben zwei stellen aufschluss. die Fronings bcschreibung nicht genau widergegeben hat1: D 124 steht am linken rande noch in roter sacralschrift die alte rollenbezeichnung 'Andreas'; er war es also, der ursprünglich die worte waz teilt du, lieber herre zu sprechen hatte; an den rechten rand ist dann in schwarzer cursivschrift 'öfter apoitdlus? geschrieben worden ; schliefslich trat in den text nach ausradicrung der alten die neue rollenbezeich- nung 'Jaco bus minor", umgekehrt ist das Verhältnis D 158 a, wo 'Petrus percutiat servum' an stelle eines nicht mehr erkennbaren ausradierten textes gesetzt wurde; dazu ist dann am rechten rande in cursivschrift mit verweisungszeichen 'damans (hie si percutimus' nachgetragen worden, im einen fall ligt die randbemerkung vor der auf rasur geschriebenen neuen text- redaction, im andern fall nach ihr; man darf daraus auf minde- stens zwei verschiedene aufführungen , bei denen D Verwendung fand, schliefsen.

Irgendwelche fundamentale Umgestaltung des textes ist bei der dazwischenliegenden redaction nicht erfolgt, die auf rasur stehnden stellen sind meist viel gedrängter geschrieben als der übrige text , woraus auf einfache einschöbe neuer reden zu schliefsen ist. nur einmal ist eine Streichung zu erkennen: 233 war schwarze schrift, also ein sprechvers, ausradiert, wovon noch als letztes wort midi zu erkennen ist, was wahrscheinlich nach

Verfasser des Gottesstaates sei zum ränge eines inspicienten gesunken (deutsche ausg. s. 27. 154. 169).

1 Fronings text verträgt noch manche richtigstellung. zb. hat er 127 d übersehen, dass 'pucri" rot geschrieben ist, also rollenbezeich- nung, nicht anfang eines gesangtextes bedeutet, die ergänzung 'tollentes ramos etc.' ist demnach falsch; es muss, wie bei Fichard bereits richtig gedruckt war, heil'sen: 'Item pueri: Gloria, l(aus].'

86 PETERSEN

A 6161: waruthbe hps (h% verlasse» mich ergänzt werden darf, darüber ist nun mit roter tinte (also als regiebemerkung) ge- sehrieben: 'Hie non sequatur rigmus, sed clamore Ihesu finito statini dicat Abraham', unter 'rigmus1 sind, wie üblich, die deutschen verse verstanden, die den vorausgehnden fremden (meist lateinischen, in diesem fall hebräischen) text in Übersetzung geben, hier nun soll die Verdeutschung des 'Hely, Hely lama asabthani" in wegfall kommen, weil durch das deutsche Zwischenglied das misverständnis des Juden Abraham : Höre er eishit Hehjam ! unerklärlich würde, die stelle beweist auch, dass D immer in Zusammenhang mit einem vollständigen text, der in diesem fall die gestrichenen verse noch enthielt, gelesen sein wollte.

Einfügungen einer einzelnen rede sind oft daran zu erkennen, dass die rote färbe des ausradierten textes noch durchschimmert; das getilgte war also nur Spielanweisung, nicht rede gewesen, auch bei umfangreicheren rasuren lässt sich meist ermitteln, was neue zutat ist, zb. sind 59 vor 'Item Jhesus appropinquans' noch die letzten worte des ausradierten textes zu entziffern: Johanni sagen, das gehört zu den worten Jesu, deren anfang 58 Da sullit ir gegeben ist (vgl. H 709 ff), demnach ist die rede des Jüngers D 59 ein einschub aus dem pedantischen Ver- vollständigungsbedürfnis, zu dem die simultanbühne verführte: was Jesus aufgetragen hatte, muste dem Jobannes auch ge- wissenhaft übermittelt werden, und so hatte der jünger nun fast dieselben worte noch einmal zu sagen, weder eigene poetische kraft des redactors noch die benutzung fremden eigentums war für solche billige Vermehrung des textes von nöten. nur an einer stelle darf man entlehnung aus fremdem text annehmen, nämlich 277, wo mit dem Medicus eine neue rollenbezeichnung für den Mercator eintritt, das beweist widerum den mechanischen charakter der scherenarbeit. zahlreich sind die erweiterungen durch einlegung von chorgesängen ; sie konnten aus der liturgie bestritten werden, wie die gesänge der 'personae' 127c. 156a. 222 a. solche Verbindungsglieder dienten meist als Überleitung zu anderen scenen und als begleitung der bewegung bei schau-

1 als einfügungen dürfen gelten die zeilen : 2. 3. 83 oder 81. 108. 130. 131. 158 a. 165. 1GG. 218. 222. 225. 250. 257. 277. 310. 329—33.

FRANKFURTER PASSIONSSITEL 87

platzveränderung *). das bedürfnis nach einer solchen delmung kann sich bei einer früheren auftuhrung gezeigt liaben; man könnte aber auch aus der zunahmt! dieser füllsei auf eine Ver- größerung des Schauplatzes schliefsen.

Endlich bezieht sich ein grofser teil der änderungeii nur auf namengebung und rollenverteilung. so wird 119 'David iudeus' durch 'S an dir' ersetzt, um eine Verwechslung mit dem inzwischen (zeile 2. 3 stehn auf rasur) in das prophetenspiel aufgenommenen David zu vermeiden,2), die anonymen juden- rollen werden benamst; statt 'unus Iudeorum' heifst es 'Sal- man' (115. 249), statt 'servus pontificis' 'loselyn' (176) usw. das sind mafsnahmen des regisseurs, die das einstudieren erleichtern und den ehrgeiz des kleinen Schauspielers befriedigen, so hat bekanntlich auch Schiller im bühnenmauuscript der 'Braut von Messina' den chor in ritterrollen aufgelöst und im 'Teil1 zuletzt noch drei neue frauenrollen Mechthild, Elsbet, Hildegard creiert, weil die Schauspielerinnen nicht gern Statisten machten, auf ebenso äufsere rücksichten geht es hier zurück, wenn mög- lichst jedem apostel einmal etwas zu sagen gegeben wird, so werden worte, die ursprünglich Petrus gesprochen hatte, dem Andreas zuteil (39), und dieser muss dafür eine rede an Jacobus minor (124) abgeben, in beiden fällen sind die späteren spiele Fri, F, A nicht gefolgt, sondern haben die ursprüngliche namens- form beibehalten 3). es geht daraus hervor, dass der redactor

1 vgl. Heinzel, Beschreibung s. 173. Wackernell Altdeutsche passionsspiele aus Tirol s. CXII. auffallend dürftig bleibt die ge- sangsbegleitung der eigentlichen auferstehung. ihr war dadurch dass, wie in Muri, die höllenfahrt vorausgieng, die theatralische würkung ge- nommen, viel eindrucksvoller hat bereits Fri, das wie G und die meisten späteren spiele die auferstehung vor der höllenfahrt einsetzt, diese scene ausgestaltet.

2 mit unrecht nimmt Zimmermann (s. 03) an, dass der erst in F 1572 auftauchende Synagogus ursprünglich diese verse gesprochen habe, die auch in A (2-425 ff) noch dem David zugeteilt sind.

3 für den zweiten fall ist dies schon von Zimmermann (Das Alsf. pssp., diss. Göttingen 1009, s. 66) vermutet, in der tat steht am linken rande noch die alte rollenbezeichnung 'Andreas', für die an- nähme Zimmermanns, dass Fri aus einem vor der redaction von D liegenden Frankfurter text abgeleitet sei, findet sich noch eine bestäti- gung D 100, wo hinter herrc noch ein ausradiertes g zu erkennen ist, das auf die in Fri und A sich findende fortsetzung gleube mir schliefsen lässt.

88 PETERSEN

von D für den aufführungszweck belanglose änderungen vornahm, die in den spieltext, der auf die späteren spiele weiterwürkte. nicht übergingen, die meisten Verbesserungen aber sind in F widerzufinden, und dass sie sich sogar ohne Vermittlung von Fri oder F nach Alsfeld vererbt haben, zeigt das beispiel von zeile 36, wo unter un diesen hart andere ausradierte worte standen, die nicht mehr zu erkennen sind und auch nicht aus den späteren texten widerhergestellt werden können, da sich A 1176 ff dem neuen Wortlaut angeschlossen hat x). im allgemeinen kann man sagen, haben sich spieltext und dirigierrolle parallel entwickelt, ebenso wie vor dem spieltext, dem D entsprach, schon ein früherer text gelegen haben muss, ebenso dürfte D bereits aus einer älteren dirigierrolle abgeschrieben sein, das geht aus der bemerkung am Schlüsse des ersten tages (251) hervor, die es in das belieben der Spielleiter stellt, hier abzubrechen und die Zu- schauer zur fortsetzung für den folgenden tag einladen zu lassen, offenbar war diese teilung, als sie zum ersten male vorgenommen wurde, improvisiert, oder ihre notwendigkeit für künftige falle hatte sich bei einer zu lang währenden aufführuug herausgestellt; der spieltext sah sie jedenfalls ursprünglich nicht vor. gerade diese anweisung steht' aber nicht auf rasur, war also bereits aus der vorläge von D, wo sie vermutlich nachgetragen war, abge- schrieben, man sieht daraus, dass die dirigierrolle keineswegs nur ein auszug für eine einmalige aufführung war, sondern dass sie kommende Spielleiter beraten will, darum sind alle angaben über den Schauplatz ganz allgemein gehalten, auf keine besondere örtlichkeit ist bezug genommen ; wol aber war die in D fest- gehaltene aufführungsmöglichkeit auf einem bestimmten Schauplatz erprobt, und diese erfahrangen werden der nachweit übermittelt. das spiel selbst war keine einmalige schöpfung, sondern durfte jedenfalls auf einen mannigfaltigen Stammbaum zurückblicken2.

1 vermutlich war nach Erlösung 4034 ff zu leseu :

sich disen sehatz gib ich dir. teil du gehorsam werden mir.

2 darauf weist auch die uneinheitlichkeit des sprachstandes. dass das auch in der Erlösung (2249. 2415) vorkommende mehrmalige lose mir (D 92. 132. 140), das an den zwei letzten stellen auf rasur steht, also, wenn nicht eingefügt (vgl. anm. 1 s. 8G), so doch bei der neuen redaction von D widerholt worden ist, später in Frankfurt ungebräuch- lich war, wird dadurch bestätigt, dass der Frankfurter text von 1493 an

FRANKFURTER PASSIONSSPIEL 89

ebenso ist auch die inscenierung nicht die tat eines einzelnen, sondern schleppt mancherlei tradition mit sich, dieser grundsatz muss bei der verfasserfrage und datierung von D festgehalten werden.

2. DATIERUNG.

Unter den büchern des alten Bartholomäusstiftes, die das Frankfurter Stadtarchiv bewahrt, befinden sich mehrere, die von der band des canonicus Baldemar von Peterweil geschrieben sind, die sacralschiift in einem 'Liber de vicariis' gleicht der der Dirigierrolle, doch ist derartige schönsebrift zu wenig indi- viduell, als dass die identität mit Sicherheit erschlossen werden könnte, dagegen lässt sich die eigenartige cursivschrift eines

allen drei stellen (F 1090. 1332. 1940) höre mir eingesetzt hat. Fri (nr 24) behält luos (Zimmermann s. 53). aber A (v. 2036 glenbe mir) und H (v. 483. 3341 venum dise wort von mir) haben ebenfalls ver- ändert, auch das prononien er (D 64. 103. 226) wird F 525. 1496. 3879 durch he ersetzt, was dem gehrauch der Frankfurter Urkunden entspricht; eine ausnähme bildet F 4127 (= P 221). in H bleibt er regelmäfsig erhalten (vgl: D 203. 207. 221 mit H 4G42. 4681. 5085). Fronings annähme, dass ein mit G verwantes SGaller passionsspiel benutzt sei, würde oberdeutsche elemente erklären, wenn sie nicht auf einer confusion beruhte. G stammt nicht aus SGallen, sondern ist, wie schon der erste herausgeber Mone erkannte, mitteldeutsch, und wie der neue herausgeber \> olter feststellte (Germ. abh. 41), wetterau- ischen Ursprunges, es ist von dem späteren Frankfurter spiel für mancherlei erweiterungen, zb. die funetion des Augustinus als zwischen- redner, die heilungen des hlinden, des Lazarus und des Malchus, die scene der ehebrecherin, wörtlich ausgeschrieben worden, aber es hat mit dem text von D so wenig Übereinstimmungen, dass nicht einmal eine gemeinsame dramatische quelle unbedingt angenommen zu werden braucht, der eine versanfang Maria, liebe sicester min (D 86 = G 162 ; ebenso Wien. 337 f, Maestr. 898 f) ist nicht beweiskräftig, da bereits der folgende vers, der F 693, A 1855 und H 446 zu tinden ist, anders lautete als in G. auch was Wolter s. 139 für die abhängigkeit von G anführt, ist keineswegs stichhaltig, da die worte den dauf ich gerne von dir han (G 103) der rolle des Johannes angehören, während der vers: den douf icil ich von dir entphan, der zu D 24 aus A 515 und H 212 zu ergänzen ist, von Christus gesprochen wird, höchstens würde eine ergänzung von D 163 aus 6 725 f in Übereinstimmung mit F 2337 f und H 3837 f möglich sein, es ist aber hemerkenswert, dass diese stelle in A 3376 f einen anderen Wortlaut hat, so dass auch hier eine spätere entlehnung von F aus G möglich wäre.

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'Liber censuum1, in dem die bekannte stadtbescbreibung des Baldemar vom j. 1350 entbalten ist (vgl. Nathusius, Archiv f. Frankfurts geschickte u. kunst III f. bd. 5, s. 2 ff), in randbe- merkungen von D, ja nach Fronings meinung, der ich nicht unbedingt beitreten möchte, auch in lateinischen gesangsanfängen, die nicht auf rasur stehn, mit Sicherheit erkennen, demnach ist es Baldemar, der D geschrieben oder zum mindesten in allen drei schichten der späteren benutzung redigiert hat. wir wollen vorsichtig sein und in ihm nicht gleich den Verfasser des Spieles sehen, wie es auch Creizenach tut (Gesch. d. neueren dramas2 bd. I s. 224) Verfasser eines mittelalterlichen geistlichen dramas ist ein sehr problematischer begriff, und hier kann, wie wir oben sahen (anm. 2 s. 88) von einheitlicher entstehung nicht die rede sein aber dass Baldeniar als regens ludi sich der passionsaufführungen des Bartholomäusstiftes annahm, das scheint durch diesen tatbestand erwiesen, er ist unter den damaligen stiftsherren auf lange hinaus die einzige stark hervortretende persönlichkeit, seine litterarische physiognomie zeigt nicht so sehr das bild eines poeten als das eines tatkräftigen Organisators, der für die Ordnung aller äufseren angelegenheiten des stiftes sorge trug, in dieser eigenschaft ist ihm auch die inscenierung der passionsaufführungen zugefallen.

Mit dieser feststellung ist eine wichtige handhabe für die datierung gewonnen, vor 1384 in diesem jähr wird Baldemar als verstorben erwähnt ist das spiel, und zwar nicht zum ersten male, nach D aufgeführt forden, dieser termin lässt einen weiten Spielraum, denn Baldemar scheint ein hohes alter erreicht zu haben; am Schlüsse des 'Liber de vicariis' erinnert er sich, im jähre 1336 in seiner heimat Petterweil zwischen Vilbel und Friedberg gelegen einer felderausmessung beigewohnt zu haben; seine stadtbescbreibung ist 1350 entstanden; als käufer von hausanteilen ist er in Urkunden des Jahres 1363/64 erwähnt; als Stifter einer vicarie STrinitatis im j. 1379.

Ueber irgend eine Frankfurter passionsaufführung innerhalb dieser zeit ligt kein zeugnis vor, doch macht Froning es wahr- scheinlich, dass vor 1350 die mislichen Zeitverhältnisse1 kein

1 namentlich verhinderte das zur zeit Ludwigs des Bayern über die Stadt Frankfurt verhängte interdict derartige Veranstaltungen, das Bartholomäusstift war während der kämpfe zwischen kaiser und

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so grofses, umfangreiche Vorbereitungen erforderndes unternehmen zugelassen hätten, das vorausgehude jähr 1349 bedeutete für die stadt noch einen höhepunct der prüfungen. der schwarze tod, der in diesem jähre ganz Deutschland durchwütete, hielt furchtbare ernte; 'niaxinui hominum multitudo utriusque sexus per diversas mundi partes de pestilencia gravi moriebatur' be- richten für dieses jähr die Annales Francofurtani (Quellen zur Frankfurter geschichtc I 2) 1. eine folge des grofsen Sterbens war das aufilammen der geislerbewegung, die vom Rhein her nach Frankfürt übergriff und mit der zweiten Judenschlacht am 24 juli dieses Jahres grofses unheil anrichtete K

Auch das Bartholomäusstift war in mitleidenschaft gezogen, da das teuer, das den grösten teil des damaligen Judenviertels niederlegte, auf das dach des domes übergriff. Baldemar vPeter- weil soll selbst eine beschreibung des dombrandes verfasst haben, die leider verloren gegangen ist, so dass wir über den umfang des Schadens nicht unterrichtet sind, nach andern Zeugnissen 2 war bereits ostern 1350 das dach des chores widerhergestellt, während der teil der Judengasse, der bis an den kirchhof des Domes herangereicht hatte, noch auf jähre hinaus ein trümmerfeld blieb.

Wir wissen, dass die pestilenz häufig das gelübde geistlicher aufführungen, die als gottgefälliges werk galten, veranlasst hat, sei es zum dank für das erlöschen einer grofsen seuche, wie beim Redentiner spiel v. j. 1464, oder zur abwendung drohender pestgefahr, wie beim Oberammergauer gelübde v. j. 1633. könnte also nicht die erste grofse Frankfurter passionsaufführung mit der pestepidemie des jahres 1349 in zeitlichem und ursächlichem Zusammenhang stehn? wenn dies der fall sein sollte, so wäre wol auch das zweite ereignis des jahres 1349 nicht ganz ohne einfluss geblieben, das Frankfurter spiel, wie es sich nach D reconstruieren lässt, hat im ganzen geistlichen drama des mittel-

papst in zwei parteien gespalten, erst 1350 wurden die wegen ihrer kaisertreuen gesinnung excommn.nicicrten geistlichen von den kirchen- strafen losgesprochen, vgl. Kriegk Frankfurter bürgerzwiste (1862) s. 9. 13 ff.

1 Kriegk s. 422 ff. Grotefcnd Mitteil. 6, 60. Ilorovitz, Frank- furter Rabbinen I 1 1 f.

•' Wolff Der kaiserdom in Frankfurt am Main (1892), s. 15 anm. 2: Anno 1350 in vigiiia paschae tection chori ecclesiae sancti Barlholomaei Francofurtensis fueratrestauratum. die deutsche nach-

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alters eine .Sonderstellung durch die bedeutende einrahmung, die der eigentlichen passionedarstellung in dem prophetenspiel ge- geben ist. die prophetenspiele, deren entwicklung Sepet ] darge- stellt hat, haben sowol in Frankreich als im deutschen Sprach- gebiet (Riga, wo 1204 ein 'ludus prophetarum' aufgeführt wurde) zunächst selbständige bedeutung gehabt, die hinweise der alt- testamentlichen Prophezeiungen auf die wunderbare geburt Christi gaben indessen von vornherein eine beziehung zur weihnachts- handlung, die schon in der Verlegung des eselsfestes auf den Vorabend vor Weihnachten zum ausdruck kam und weiterhin zur einverleibung des prophetenspiels in das weihnachtsspiel führte, so lässt das Benedictbeurer weihnachtsspiel zuerst den Augustinus mit Ysaias, Daniel, der Sibylle, Aaron und Balaam gegen den Archisynagogus und seine .Tudenschaft streiten, die von ihnen geleugnete 'res miranda' wird den Juden vorgeführt, damit sie durch den augenschein von der geburt des Christkindes über- zeugt werden, in derselben weise, vielleicht nach dem Vorgang des nur fragmentarisch erhaltenen Erlösungsspieles , stellt in Frankfurt Augustinus die Juden vor das. Schauspiel der passion und auferstehung, damit sie gezwungen werden, das erlösungs- werk anzuerkennen, dieser faden aber und damit geht Frank- furt über alle anderen spiele hinaus wird zum Schlüsse wider aufgenommen: nachdem die disputation zwischen Ecclesia und Synagoga beendet ist, vollenden acht bis zehn Juden die nieder- lage der Synagoga, indem sie zu Augustinus gehn 'petentes baptizari', und Augustinus nimmt sie in die christliche gemein- schaft auf. die passionsaufführung also ist, in weiterführung der tendenz des pseudoaugustinischen sermo de natali domini, ein- gekleidet in das motiv der Judenbekehrung, diese geschlossene Umrahmung haben die späteren spiele wider aufgegeben: Fri lässt das prophetenvorspiel weg und schliefst mit der klage der Ecclesia über die 'verstogten Juden' (z. 532 der von Zimmermann reconstruierten dirigierrolle). A setzt, angeregt durch das hessische weihnachtsspiel, an die stelle des schon in Fri weggefallenen Vorspieles eine teufelsversammlung und bringt die Weissagungen

rieht (Quellen ■/.. Frankfurter geschiebte I 7) stammt nicht von Bal- demar vPeterweil.

1 Marius Sepet Les prophetes du Christ , Bibl. de l'Ecole des Chartes VI 3 (1867), VI 4 (1868), VI 33 (1877).

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der propheten erst am Schlüsse des zweiten tages in dem Streit- gespräch zwischen Ecclesia und Synagoga unter ; wie Zimmer- mann (s. 1 Gö) ganz richtig bemerkt, war durch diese anordnung die folgende taufe ausgeschlossen, denn die Juden musten unbe- kehrt bleiben, damit im dritten tagewerk die handlung ihren weiteren fortgang nehmen konnte. H. endlich hat durch die präfigurationen das alte testament in beziehung zur passion ge- setzt und kann daher auf die Umrahmung verzichten, aber es ist dadurch auch um einen richtigen abschluss gekommen, einzig das Frankfurter spiel drückt in seiner geschlossenheit die starke grundtendenz eines confessionellen Optimismus aus, die um so bemerkenswerter ist, als sie auch zu der haltung der hauptquelle in gegensatz steht, auch in der 'Erlösung' hatte die aufzählung der propheten mit einer klage über die Hoffnungslosigkeit jüdi- schen Unglaubens geschlossen (v. 2382 ff), die Singularität des Frankfurter .Spieles ist wol nur durch die vorausgegangenen localereignisse zu erklären, bei der ersten Judenschlacht des jahres 1240 hatte es sich um gewaltsame taufe gehandelt, bei der zweiten des jahres 1349 um unbarmherzige ausrottung. nach- dem der fanatismus